Am südwestlichsten Punkt Europas

Wir befinden uns noch am Strand in der Nähe von Faro. Kaum dass Uwe aufwacht, springt er auch schon ins vom schwachen Morgensonnenschein beleuchtete Meer. Wo der Mann diesen eisernen Mut herhat, ist mir schleierhaft.

Um diese Zeit gehört ihm definitiv der kilometerlange Strand allein. Ein paar Rentner klatschen Beifall aus ihren geheizten Wohnmobilen, als Uwe auf dem Ruckweg möglichst zügig in seinen warmen Pullover schlüpft.

Da wir nun seit einer Woche ohne Dusche unterwegs sind und es ab heute Abend für 2 Tage regnerisch werden soll, beschließen wir, ein Hotel zu buchen. Im Internet wird uns für 60€ pro Nacht ein schickes Golf-Resort mit Innenpool an der Steilküste bei Lagos vorgeschlagen und obwohl keiner von uns je einen Fuß in eine solch gediegene Anlage gesetzt hat, geschweige denn Golf spielt, gehen wir das Wagnis ein.

Auf dem Weg dahin wollen wir an einer der berühmtesten, innen wunderschön ausgekachelten Kirche Portugals halten, an der „Irgeja de Sao Lourenco“. Auf äußerst verschlungenen Serpentinen erreichen wir schließlich unser Ziel und müssen feststellen, dass die Kirche ungerührt aller Berühmtheit jede Woche an drei Tagen geschlossen hat.

Mindestens drei weitere (allesamt deutsche) Wohnmobile kommen in den Minuten unseres kurzen Aufenthaltes hier an und müssen enttäuscht und ohne blau bemalte Kacheln wieder abziehen.

Auch wir setzen unseren Weg nach Lagos fort. Da unser Golf-Resort erst ab 16 Uhr beziehbar ist, parken wir in der Hafenstadt und stellen uns auf einen romantischen Stadtbummel im Nieselregen ein. Leider ist Lagos wirklich vollkommen vom Tourismus aufgefressen. Den Einheimischen scheint man hier bestenfalls noch an der Kasse eines schmierigen Souvenirladens anzutreffen. Die Bars und Restaurants sind zum Abgewöhnen, die kleinen Gassen überfüllt mit Nepp und hässlichen Touristen-Läden, die Häuserfassaden sehen grau und geschmacklos aus, überall Baustellen, um alles für die kommende Sommersaison aufzupolieren. Insgesamt kein besonders heimeliges Städtchen. Am Hafen immerhin bietet eine einzige kleine Reederei eine Bootstour durch die Steilklippen an der „Ponta da Piedade“ an, die ebenfalls in jedem Reiseführer hervorgehoben wird.

Da der Himmel gerade aufklart und die nächste Bootstour in 10 Minuten startet, steigen wir als einzige Gäste in ein winziges Motorboot und lassen uns von einem wiederum sehr einheimischen Portugiesen mit viel Courage und wenig Zähnen durch die Brandung um die Steilküste schippern.

Die einstündige Bootstour wird so ziemlich das Lustigste, das wir auf unserer Reise erlebt haben. Abgesehen von den atemberaubenden Klippen und Felsformationen, die im Zuge des mitteleuropäischen Touristenansturms Namen wie „Garage“, „Wohnzimmer“ und „Untergang der Titanic“ bekommen haben, legt sich unser Bootsführer derart rasant in die Kurven, dass wir laut kreischen und juchzen und von den spritzenden Wellen auf Dauer ziemlich nass werden.

Als schließlich der Wind und damit auch die Wellen ordentlich zulegen und unser Portugiese am Steuer dennoch mit Vollgas durch die kleinsten Felsöffnungen steuert, wird uns schon etwas anders. Auch dass das Boot immer mal unsanften Kontakt mit dem rauen Gestein aufnimmt, scheint ihn nicht besonders zu stören. Wir pumpen ordentlich Adrenalin.

Auch auf der Rückfahrt ist das kleine Boot kaum zu bremsen, so dass wir aus dem Schütteln und Kreischen kaum herauskommen. Luise macht das alles natürlich riesigen Spaß und Ferdinand ist bei dem mächtigen Geschaukel in meinem Arm einfach eingeschlafen.

Schließlich erreichen wir heil den Hafen von Lagos und freuen uns über das bestandene Abenteuer, das der Bootsführer im Sommer wahrscheinlich 6mal täglich den zahlreichen sensationshungrigen Touristen kredenzt.

Das Salzwasser trocknet langsam auf unseren Gesichtern und wir machen uns nun auf den Weg zum Golf-Resort, das nicht weniger Aufregung in uns verursacht, als die stürmische Bootsfahrt.

Wir landen in einer gigantischen Anlage mit hunderten von modernen, gleich aussehenden Reihenhäuschen, die richtige kleine Stadtteile bilden. Allein um die Rezeption zu finden drehen wir mehrere Runden durch das „Wohngebiet“. (Zum Glück haben wir kein Frühstück gebucht – sonst hätte man das Auto zum Frühstücksraum nehmen müssen.)

Doch als wir unser Häuschen mit Parkplatz direkt davor beziehen, sind wir absolut begeistert. So viel Luxus hatten wir seit anderthalb Monaten nicht mehr.

Abgesehen davon, dass hier alle Geräte wie Waschmaschine, Toaster und Dusche einwandfrei funktionieren, haben wir so unglaublich viel Platz auf 2 Etagen, dass Luise erst einmal mehrere Runden durchs Haus rennt und sich über den flauschigen Teppich vor dem Sofa rollt.

Unerschrocken wagen sich Uwe und Luise in den kalten Pool direkt vor unserer Terrasse, worauf auch die anderen Kinder in den angrenzenden Apartments herauskommen und ihre Väter mit sich ziehen, die allerdings schnellstmöglich den Rückzug antreten.

Da es in den folgenden Tagen sehr wechselhaft regnet und windet, bleiben wir für 3 Nächte hier. Die Kinder können das große beheizte Schwimmbad im Sportbereich der Anlage sehr genießen, wir waschen alles an Wäsche und Geschirr, das sich in unserem VW-Bus befindet und können außerdem ausgiebig kochen, duschen und uns rundum erneuern.

Wenn sich der vormittägliche Regenguss verzogen hat, legen wir kleine Wanderungen oberhalb der Steilküste ein, die vom Ufer nicht minder beeindruckt als vom Boot aus.

Die Vegetation mit riesigen Kakteen und Agaven finde ich genauso schön wie die schroffen Felsen. Kein Wunder, dass auch zu dieser Jahreszeit die zahlreichen Küstenwanderwege gut besucht sind.

Trotz des rauen Gesteins wirkt alles lieblich und einladend, was wohl am verführerisch türkis leuchtenden Meer und der rötlichen Farbe der wie von Götterhand malerisch dahin geworfenen Felsbrocken liegen mag.

Das ganze Gegenteil zu der freundlichen Landschaft der südlichen Algarve erwartet uns schließlich an der Westküste Portugals.

Nach gediegenen 3 Tagen im Golf-Resort zieht es uns wieder abenteuerlustig in den Bulli. Unser nächstes Ziel ist der südwestlichste Zipfel Europas. Hier trotzt eine weitläufige Festung seit Jahrhunderten den rauen Gegebenheiten, von der nicht mehr als eine lange Mauer und eine kleine Schifferkapelle übrig geblieben ist.

Von hier aus sieht man schon den Leuchtturm von Sagres auf der gegenüberliegenden Landzunge, der den allersüdwestlichsten Punkt markiert.

Schwindelerregende Klippen fallen mindestens 100m schroff ins schäumende Meer hinab und selbst in atemberaubender Höhe stehen die einheimischen Angler auf minikleinen Felsvorsprüngen, sodass ich gar nicht hingucken kann.

Auch am Leuchtturm von Sagres gegenüber ist die Küste alles andere als lieblich. Heftig knallen die hohen Wellen ungebremst an den dunklen Fels und lassen die Gischt über die ganze Steilküste fliegen. Von Wind und Wetter werden wir hier ordentlich durchgepustet und müssen die kleine Luise gut festhalten, damit sie im Sturm nicht einfach abhebt.

Hier oben treffen sich alle Nationen. Viele deutsche Touristen sind da, aber auch Niederländer, Engländer, Belgier und ein paar Asiaten. Die meisten Besucher ziehen trotz aller Bemühungen um Internationalität den schmuddeligen Frittenbuden am Parkplatz lieber das schicke Café im Leuchtturm vor.

Wir kleben wie alle anderen pflichtbewusst den „Südwestlichster-Punkt-Europas“-Sticker in unseren VW-Bus (dessen Klebekraft genau eine Woche hält) und fahren noch ein paar Kilometer weiter die Westküste hinauf.

Meiner neuen „Park4night“-App vertraue ich blind und lotse uns unbeirrt einen brüchigen Sandweg ins Niemandsland. Uwe hält zweifelnd an und prüft im abendlichen Regenschauer, ob unser Bulli überhaupt hoch genug ist, um die gewaltigen vor uns liegenden Schlaglöcher und Wassergräben zu bewältigen.

Sehr behutsam eiern wir durch die matschige Einöde, Zweige und Äste schaben an der Autotür und in zwei besonders tiefen Pfützen bleiben wir fast stecken. Endlich, endlich erreichen wir die vorderen Klippen und bleiben mit einer atemberaubenden Sicht in schwindelerregender Höhe stehen.

So sieht es zumindest am nächsten Morgen aus, am verregneten Abend trauen wir uns nämlich kaum aus der Tür und fragen uns ernsthaft, ob wir nicht lieber auf einem unspektakulären betonierten Stellplatz im Inland hätten bleiben sollen.

Doch bei Sonnenschein können wir die aufregende Landschaft hier richtig genießen.

Die scheinbar unberührte Steilküste beeindruckt auch hier durch ihre Schroffheit, Höhe und Unzähmbarkeit der Naturgewalten. Die Wellen peitschen meterhoch gegen den Felsen, was ein immer währendes Donnern anstelle eines lieblichen Meeresrauschens verursacht.

Tatsächlich leben hier unzählige Störche, die ihre Nistplätze auf den ausgesetztesten Felsvorsprüngen mitten im schäumenden Atlantik eingerichtet haben.

Hier oben folgen wir einem ausgetretenen Pfad, der von erstaunlich vielen schwer bepackten Wanderern begangen wird. Wir erfahren, dass man über 80km weit dem sogenannten „Fishermanstrail“ folgen kann, einem Weitwanderweg oberhalb der westlichen Steilküste Portugals. Auch dieser Geheimtipp hat sich wohl schon wie ein Lauffeuer verbreitet, denn auch im März begegnen wir mindestens 60 Wanderern auf unserem kleinen Spaziergang in den nächsten Fischerort.

Hier wirkt alles sehr ärmlich und verlassen. Die Fischer haben es hier mit der enormen Brandung, starken Gezeiten und spitzen Felsen unter Wasser garantiert nicht einfach.

Das einzige kleine Fischrestaurant hat jedenfalls heute nicht besonders viel auf der Karte. Uwe bekommt einen Teller sehr abenteuerlicher Meerestiere vorgesetzt, die nicht mal ausgenommen sind und wirklich scheußlich schmecken.

Noch mehr auszuprobieren trauen wir uns nicht, stattdessen wandern wir zurück zu „unserer“ Klippe und wagen den Abstieg in die Bucht. Die Aktion wird ein ausgewachsener Klettersteig, der mit Kindern auf dem Rücken und Sandspielzeug in der Hand gar nicht mal so ohne ist.

Doch unten entschädigt ein traumhafter Sandstrand, windstill eingebettet zwischen zwei großen Felszungen.

Allerdings muss man leider sagen, dass auch hier die Zeichen unserer umweltverschmutzenden Zeit nicht zu übersehen sind. Nach dem nächtlichen Sturm liegen in der ganzen Bucht Abertausende von kleinen Plastikkügelchen und -stückchen verteilt. Erst hatten wir sie für groben Sand gehalten… Dazu alte Fischreusen, Plastikflaschen und vom Meer schon seit Jahren abgeschliffene Kunststoffteile, die hartnäckig jeglicher Zersetzung standhalten.

Nach der Flut am nächsten Morgen sind alle Teilchen wieder verschwunden. Auf dem Weg in die nächste Bucht oder ins Maul des nächsten Fisches.

Insgesamt hat der Ausflug einen sehr bedrückenden Nachgeschmack und mit fast schlechtem Gewissen hangeln wir uns den Klettersteig wieder nach oben, wobei wir auch hier mächtig zur Erosion und Umweltzerstörung der brüchigen Klippen beitragen, schöne Aussicht hin oder her.

Obwohl der Stellplatz hier oben unglaublich nah an den Naturgewalten, aufregend, spektakulär und einzigartig ist, beschließen wir, mit unserem VW-Bus nicht wieder so weit in die Wildnis einzudringen, die eigentlich den Störchen, Kormoranen und Wanderern vorbehalten sein soll.