Salz im Haar

Nach einer ganzen Woche prall gefüllt mit andalusischer Hochkultur und Stadttrubel sehnen wir uns nach etwas Natur und Entspannung.

Früh am Morgen ist in Sevilla noch wenig los, wir verabschieden meine Cousine Elli, die heute nach Wien zurück fliegt und machen uns auf die immer wieder spannende Suche nach unserem Bulli und ob er noch unversehrt dort steht, wo wir ihn abgestellt haben. Ganz brav wartet unser weißes Ross vor der zwielichtigen Bar auf uns und als wir beginnen, unser Gepäck zu verstauen, bildet sich gleich eine lange Schlange an Autofahrern hinter uns, die scharf auf den Parkplatz sind (immerhin würden 2 Smarts und ein Moped in unsere Lücke passen).

Gut gelaunt verlassen wir Sevilla und fahren der Sonne entgegen ans Meer. Hier wird mit dem größten Naturschutzgebiet Spaniens geworben, der Wald- und Dünenlandschaft Doñana.

Tatsächlich fährt man erst einmal eine Dreiviertelstunde an mit Maschendraht abgesperrtem Niemandsland vorbei, das eher an ein Militärübungsgebiet erinnert. Endlich erreichen wir eine Zufahrt zum „Touristenzentrum Doñana“, einem einsamen Häuschen, in welchem eine noch einsamere Dame Informationszettel über den einstündigen „Bird-watching-Path“ bewacht. Außer einem mit eindrucksvollen Ferngläsern ausgestatteten niederländischen Pärchen verirrt sich heute niemand hier her.

Wir wagen uns über die sorgfältig angelegten Holzwege ins Sumpfgebiet vor. Das Vogelaufkommen hält sich in Grenzen und wir müssen über die aufwändig abgedichteten Beobachtungshäuschen ein bisschen schmunzeln.

Luise ist bester Laune und singt weithin vernehmbar „Ein Vogel wollte Hochzeit machen“, was uns wohl auch die letzten Bewohner des Nationalparks vertreibt.

Es war trotzdem eine nette kleine Wanderung, wir haben mal wieder Waldluft geatmet und in den Beobachtungshäuschen lange Ameisenstraßen entdeckt.

Weiter gehts ins nahe gelegene El Rocío, einem angeblich sehr berühmten Wallfahrtsort, zu dem um Pfingsten Millionen Menschen zu Fuß, mit Ochsengespannen oder zu Pferde pilgern.

Von Ferne mag der Ort noch ganz malerisch wirken, mit seinen Flamingos und Pferden in der Sumpflandschaft davor, von Nahem kommt man sich eher vor wie in einer Geisterstadt. Ganz unecht ragt die Front der Wallfahrtskirche aus dem sandigen Vorplatz, in dem unser Kinderwagen fast stecken bleibt und alle Fassaden wirken morbide, verlassen und leblos. Ein einzelner rauchender Kellner am Platz versucht uns zu überzeugen, seine schmierige Bar zu besuchen.

Wie erwartet ist die Kirche innen komplett neu renoviert und etwas kitschig ausgestattet. Es liegen einige Opfergaben auf dem Altar und außer einem Rollstuhlfahrer, der eine Art Puppenbein vor der Madonnenfigur niederlegt, ist sonst niemand zugegen.

Obwohl Luise das alles sehr spannend findet, müssen wir sie bald davon losreißen, da sich hier eher eine unangenehme, bedrückende Stimmung bei uns breit macht.

Nachdenklich fahren wir die letzten Kilometer bis ans Meer. Die Umgebung verändert sich abrupt – angrenzend ans Naturschutzgebiet landen wir in der riesigen neu gebauten Feriensiedlung „Matalascañas“, die sich über mehrere Kilometer an der Küste entlang zieht. Die unbewohnten Bungalows, Hotels und Supermärkte sind in Blöcke A1 bis G3 eingeteilt, völlig verrückt. Hier möchte ich meinen Sommerurlaub definitiv nicht verbringen.

Wir fahren bis ganz an den Rand und an der Grenze zum Nationalpark finden wir einen netten, gut besuchten Stellplatz an der Strandbar, die uns herrlichen gegrillten Fisch kredenzt.

Die endlosen Weiten des feinen Sandstrandes und das verlockende blaue Meer faszinieren uns sehr, so dass wir zwei Tage hier bleiben.

Es sind ein paar einheimische Fischer und Angler unterwegs, die kiloweise Muscheln aus dem Meer ziehen und durch verschiedene Siebe rasseln lassen, um sie der Größe nach zu verkaufen.

Andere versuchen, mit sogenannten Safaris ihr Geld zu verdienen. In vielversprechenden grünen Abenteuer-Jeeps werden Touristen durch die Wanderdünen und über den Strand des Nationalparks geschaukelt. Der Sinn dieser Unternehmungen bleibt mir bis heute verborgen.

Am nächsten Tag wandern wir auf eigene Faust durch die wunderbare Dünenlandschaft. Die Ausblicke sind absolut herrlich und ich könnte mir jederzeit abseits des Touristenrummels vorstellen, hier wieder Urlaub zu machen.

Tagsüber wird es richtig warm. Luise und Uwe trauen sich in die kalten Fluten. Am vielen Salz im Haar merken wir ganz deutlich, dass wir nun am rauen Atlantik sind.

Ferdinand verbringt den Tag zumeist mit Schlafen, Sand umherwerfen und Sandkuchen zerpatschen. Da er Brei ja noch nie umwerfend fand, stürzt er sich nun abenteuerlustig auf Nudeln, Schinken, Käse, Tomaten, Fisch und Fleisch – was bei uns eben so auf den Tisch kommt. Kein Wunder, dass man da das eine oder andere Verdauungsschläfchen braucht.

Da wir uns nun an der westlich ausgerichteten Küste befinden, erleben wir jeden Abend einen wunderschönen Sonnenuntergang.

Mittlerweile ist es März geworden und wir haben uns länger in Spanien aufgehalten, als geplant. Nun soll es endlich über die Grenze nach Portugal an die Algarve gehen.

Nach nur 60 km passieren wir den Grenzfluss Guadiana und schon wieder erwartet uns völlig abrupt eine komplett andere Landschaft und Kultur als in Spanien.

Hier ist alles grün und wild, die Bäume und Wiesen blühen, Kakteen, Büsche und Hartlaubgewächse wuchern vor sich hin, ohne Feldern oder Anbaugebieten Platz machen zu müssen. In der ersten kleinen Ortschaft in Meeresnähe machen wir Halt.

In „Cacela Velha“ gibt es nur ein paar kleine entzückende weiß-blaue Häuschen, duftende Jasminzweige, eine derzeit geschlossene Burg und eine Bar, die unseren Bedarf an Orangensaft für die nächsten drei Tage deckt.

Außerdem hat man von der Stadtmauer einen fantastischen Ausblick auf die Lagune, die bei Flut mit Booten befahren wird und die man bei Ebbe durchwaten kann.

Das türkisfarbene Meer lockt unwiderstehlich, so dass wir am Fuße des Dorfes über Nacht stehen bleiben und einen herrlichen Abend am Wasser verbringen. Da gerade Ebbe ist, können wir an vielen Krebsen vorbei bis ganz vorn an den Strand waten.

Hier gibt es die herrlichsten Muscheln und Schnecken. Durch die ständige Überflutung ist der Strand so sauber und fein, dass man am liebsten im warmen Sand ein Bad nehmen würde.

Bis kurz vor Sonnenuntergang spielen wir im Sand, dann laufen wir durch die inzwischen völlig ausgetrocknete Lagune zu unserem Bulli zurück. Die Fischerboote liegen nun alle auf dem Sandboden, dafür suchen die Einheimischen bei Ebbe bis zum Einbruch der Dunkelheit emsig nach Krebsen, Muscheln und Krabben im Schlamm.

Am nächsten Morgen ist die Flut wieder da und wieder spielt das Wasser der Lagune mit den schönsten Farben, die mich wirklich völlig verzaubern.

Auch im Nachhinein finde ich diesen Ort einen der schönsten, an denen wir auf unserer ganzen Reise gewesen sind.

Da es aber erst Anfang März ist, gibt es keinen Bootsverkehr für Touristen auf der Lagune und wir kommen bei Flut nicht vorn an den Strand.

Also entscheiden wir uns fürs Weiterfahren nach Tavira, einem kleinen alten malerischen Städtchen an der östlichen Algarve. Hier trifft man erstaunlich viele Briten, die in Spanien ja eher spärlich unterwegs waren.

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Im Gegensatz zu den Vororten wirkt der kleine Stadtkern wie frisch verputzt im vormittäglichen Frühling, die ersten Touristen schneien ein und die Eiscafés öffnen ihre Sonnenterrassen.

Pflichtbewusst besichtigen wir die beiden einzigen Sehenswürdigkeiten Taviras, zwei alte Kirchen auf dem Burgberg der Stadt. Der Zutritt mit Kinderwagen gestaltet sich etwas unkonventionell über den Altarplatz – da kennen die Portugiesen nix.

Von oben hat man einen ganz hübschen Blick über die Türme des Städtchens, auch wenn sonst der Besuch der Kirche eher durch das nette, entspannte Personal besticht, als durch herausragende Kunstwerke.

In der zweiten Kirche „Igreja da Misericórdia“ finden wir die berühmten „Azulejos“, die blau bemalten Kacheln, die einem in Portugal auf Schritt und Tritt begegnen.

Unser Stadtbummel endet nach einem hervorragenden Sushi (ist zwar nicht typisch portugiesisch, aber der Fisch kommt zumindest direkt von hier) schließlich in einem gemütlichen Café am Rande der Altstadt, wo wir das erste Pasteis de Nata, ein schauderhaft geniales landestypisches Gebäck aus Blätterteig mit Eierpudding drin, verspeisen.

Da es an der Algarve ja die schönsten Sandstrände Südeuropas geben soll, fahren wir aus Tavira hinaus und hinter Faro wieder ans Meer. Einem echten Geheimtipp des Berliners aus Valéncia folgend, hoppeln wir einen Feldweg an kleinen Ortschaften vorbei bis an die rotfarbene Küste.

Hier muss man sich fragen, wie vielen Leuten er wohl noch diesen Geheimtipp gegeben hat, denn über den Küstenstreifen stehen mindestens 40 Vehikel verteilt, vom schicken Riesentrumm bis zum klapprigen Transporter mit Dachzelt. Wir müssen eine Weile suchen, um eine ruhige Ecke zu finden, aber dann leuchtet uns schon ein, warum sich dieser Stellplatz schnell herumgesprochen hat.

Natürlich sitzen wir auch am nächsten Tag nicht die ganze Zeit vor unserem VW-Bus. Luise und Uwe sind wieder unerschrocken und wagen sich in den kalten Atlantik. Zum Glück habe ich Luises Neoprenanzug dabei…

Die Küste westlich von Faro zeichnet sich vor allem durch den rötlichen Sandstein aus, der durch Erosion und herunter trampelnde Badegäste arg beansprucht wird.

Uwe sorgt sich eher um die starke Sonneneinstrahlung. Trotz ständigen Eincremens und Schattenspendens glühen wir alle am Abend wie kleine Heizpilze.

Kurz nach Sonnenuntergang wird es ziemlich kalt und wir sind froh, unseren Bulli als Rückzugsort zu haben. Auch vor den vielen aufdringlichen Hunden (der anderen Wohnmobilbesitzer) ist das Abendbrot hier besser geschützt als früher im Zelt.

Es ist ein sehr schöner und kinderfreundlicher Ort hier, so direkt am Strand wohnt man ja nicht alle Tage. Luise und Ferdinand würden sicher am liebsten den ganzen Urlaub über hier bleiben, doch wir Großen wollen nach 2 Tagen unseren Weg gen Westen fortsetzen.