Unser Weg führt uns nun ein ganzes Stück weit an der portugiesischen Küste entlang nach Norden. Die Städte Batalha, Fátima und Tomar wurden und werden von verschiedenen Glaubensgemeinschaften heimgesucht. Wir wollen unbedingt wissen, was da so vor sich ging und heute noch geht.
Wir legen aber einen Zwischenstopp in Nazaré ein, dem Strand mit den angeblich höchsten Wellen der Welt, wo 2018 der Rekord im Wellenreiten aufgestellt wurde. Angeblich schlugen die Wogen 25 m hoch. Seit dem trifft sich hier die einschlägige Bruderschaft der besten Surfer weltweit.

Wir finden einen einsamen Stellplatz nahe am Meer und bekommen am späten Abend etwas Angst, dass uns der orkanartige Sturm den Bulli um die Ohren wirbelt. Heute schlafen wir mit offenem Klappdach, da wir uns sonst zu fünft (mit meiner abenteuerlustigen Tante) hochkant auf der Rückbank hätten stapeln müssen.
Nachts um 2 donnert der Sturm so heftig gegen die aufgespannte Zeltwand, dass ich schlaftrunken zu meinem Handy greife, um zu googeln, wie viele Knoten so ein Klappdach überhaupt aushält, bevor es sich in die Lüfte verabschiedet. Einhellig sind sich alle Surfer im Internet einig, dass man als echter Profi das Klappdach überhaupt erst aufstellt, „wenn der Postbote waagerecht am Fenster vorbeifliegt“ und ich schlafe beruhigt weiter.
Am Morgen pustet uns der Wind immer noch ordentlich durch, die Wellen sind allerdings nicht ganz auf die erhoffte Rekordhöhe gestiegen.

Wir laufen den schier endlosen Strand entlang und nehmen vor den heranbrausenden Wellen Reißaus. Nicht allen gelingt dies trockenen Fußes…

Die arme Netti muss den restlichen Tag mit nassen Socken herumlaufen, dafür hat sie ein paar spektakuläre Wellen-Fotos im Kasten. Über eine steile Klippe erreichen wir den alten Ortskern von Nazaré, von dessen Mauer aus das Ergebnis des boomenden Sommertourismus der letzten 20 Jahre zu sehen ist. Der Surfer-Rekord hat den Besucherstrom noch ordentlich angeheizt.

Doch um diese Jahreszeit ist hier alles völlig ausgestorben. Eine einzige Bar kann unseren Mittagshunger mit äußerst trockenen Sandwiches stillen, bevor wir den Rückzug zum Strand antreten.
Nur 50 m neben unserem Bulli hat ein sonnenbebrillter Veranstalter ein schickes Partyzelt mit Zapfanlage und Ledersofas aufgestellt, davor 3 im Sonnenlicht blitzende Lamborghini, die von den Teilnehmern der Beach-Challenge möglichst wild über den spritzenden Sandstrand gejagt werden.
Verständnislos kopfschüttelnd hoppeln wir in unserem Bulli an den hautengen Smokings und verspiegelten RayBan-Brillen vorbei in Richtung Inland.
Als wir das riesige „Mosteiro da Batalha“ erreichen, ist die Sonne schon fast untergegangen. Die letzten Strahlen beleuchten den spektakulären Bau aus dem 14. Jh, der eher an Schloss Hogwarts aus Harry Potter erinnert, denn an ein altes Kloster.

João I. stand hier 1385 mit seiner kleinen portugiesischen Streitmacht einem riesigen kastilischen Heer gegenüber und gewann auf unerklärliche Weise den Kampf. Als Dank ließ er das Kloster errichten, das im Laufe des nächsten Jahrhunderts ausgiebig im manuelinischen Stil erweitert wurde (Uwe verdreht die Augen neben mir.)

Wir übernachten trotz der kalten nächtlichen Temperaturen im Bulli auf dem Parkplatz gegenüber. Das ist zwar nicht direkt urig, aber unschlagbar praktisch, zumal in den paar Häuschen, die sich um das Kloster reihen, kaum Unterkünfte für mehr als 2 Personen zu finden sind.
Als wir früh zeitig am nächsten Tag in die große Kathedrale treten, malt die Morgensonne herrliche Farbspiele durch die alten Glasfenster in den Innenraum der Kirche.

Alles ist licht und hell, aufstrebend und dezent. Sofort macht sich in mir eine freudige und entspannte Stimmung breit. Luise schaut auf ihrer Augenhöhe genauer hin und entdeckt die zwei herrlich ungläubig drein schauenden Löwen am Fuße des Grabes von João I.


Das Kloster wirbt mit wunderbaren manuelinischen Kreuzgängen, Bögen und Brunnen, die im warmen Sonnenlicht wirklich sehr schön anzusehen sind.



Nachdem wir Damen uns im Schatten des Springbrunnens ausgiebig breit gemacht, belesen und ausgeruht haben, bläst Uwe zum Aufbruch. Natürlich ist das Kloster hier sehr schön, aber es ähnelt doch sehr dem Mosteiro de Jerónimos in Lissabon und wir wollen ja heute noch ein bisschen weiter kommen.
Also geht es zur nächsten Station, dem groß angelegten Wallfahrtsort Fátima, etwa 30km landeinwärts. Schon in den Vororten wimmelt es nur so an mit Madonnen und Rosenkränzen überfüllten Läden. Alles scheint ausschließlich auf die Verehrung der Jungfrau Maria ausgerichtet zu sein. Selbst in der einzigen Bäckerei, die wir ausfindig machen können, thront eine Madonna über den Broten.

Die Herbergen haben allesamt Namen, wie „Hotel Santa Maria“, „Luz Eterna“ oder „Hotel Aleluia“.

In manchen Schaufenstern werden riesige Kerzen, Körperteile oder Puppen aus Wachs angeboten, die die Pilger am Ziel in einer Kapelle auf dem riesigen Kirchplatz von Fátima schließlich verbrennen.
Als wir eben jenen Platz erreichen, sind nur eine Handvoll Wallfahrer da, die mühsam auf Knien über den Boden rutschen, um so huldvoll die heilige Kapelle oder die große moderne Kathedrale zu erreichen, an derer Stelle vor hundert Jahren drei Hirtenkindern mehrmals die Jungfrau Maria erschienen sein soll.

Ein schwerer Geruch von brennendem Wachs legt sich über den riesigen windstillen Platz, dessen Hitze einen selbst jetzt Mitte März schon zu Boden drückt. Es ist kaum ein Laut zu hören, nicht mal die Tauben gurren, alte gebückte Großmütterchen strecken einem Kräuterzweige entgegen, überall brennen Kerzen und selbst Ferdinand und Luise verstummen an diesem Ort. Und das will was heißen!
Obwohl wir ja alle in der Kirche sind, halten wir die bedrückende Stimmung hier nicht lange aus und atmen auf, als wir in unserem VW-Bus Fátima hinter uns lassen können.
An unserem heutigen Zielort Tomar, noch ein Stück weiter ins Inland hinein, wartet ein herrlicher Stellplatz mit saftig grüner Wiese auf einem ausgedienten Campingplatz auf uns.

Luise pflückt mit Netti Orangen und Mandarinen von den Bäumen, die so zuckersüß schmecken, dass wir davon kaum genug bekommen können. In der Nacht wird es allerdings richtig kalt, nur 5 Grad zeigt das Thermometer an. Unterm Klappdach nehme ich Ferdinand mit in meinen Schlafsack und muss feststellen, dass der kleine kompakte Kerl mich viel mehr wärmt, als ich ihn.
Dafür ist am nächsten Tag kein Wölkchen am Himmel, wir ziehen unser sommerlichstes Outfit an und besuchen gespannt die alte Burg der Tempelritter.

Um 1160 ließ sich hier ein Teil des Templerordens nieder, eine Art adliger und religiöser Geheimbund (der angeblich heute noch irgendwo existiert), der christliche Pilger auf ihren Kreuzfahrten vor Überfällen beschützten sollte, durch zunehmenden Reichtum auffiel und direkt dem Papst unterstand, so dass er für weltliche Herrscher unantastbar wurde. Leider wurde er schließlich 1312 vom französischen König verboten und die Tempelritter (in Frankreich blutig verfolgt) mussten sich hierzulande in Christusritter umbenennen.
Der älteste Teil des Klosters, den die ersten Tempelritter bewohnten, ist schon halb verfallen. Hier tummeln sich ungeachtet der geschichtlichen Bedeutung Hundertschaften an Gänseblümchen zwischen den alten Mauern.

Der einzige erhaltene Raum aus der Gründungszeit ist die sagenhafte 16-eckige Kirche der Tempelritter mit einer einzigen riesigen Orgelpfeife, die die Ordensmitglieder mehrmals täglich zur Andacht rief.


(Angeblich soll irgendwo im alten Gemäuer der Tempelritter auch ein Abbild von Baphomet versteckt sein, einem dämonischen Wesen, das die Templer verehrten, und das mir sofort vom einzigen Computerspiel, das ich jemals gespielt habe, „Baphomets Fluch“, ein Begriff war. Ich werde leider nicht fündig, die Hüter des UNESCO-Weltkulturerbes haben es vorsichtshalber überdeckt.)

Wir kommen schließlich in die neueren Bereiche des Klosters, überall die Kreuze der Christusritter, wieder andächtige Gänge und Innenhöfe, die so unterschiedlich sind, dass die Jahrhunderte sehr bildhaft am inneren (und äußeren) Auge vorbei ziehen.

Schließlich treffen wir auch hier auf ein Meisterwerk der Manuelinik (Uwe mag lieber gleich vorbei gehen), einem kunstvoll verschnörkelten Fenster, das in jedem Reiseführer als Highlight abgebildet ist.

Allerdings würde es mir persönlich nun auch langsam an manuelinischen Schönheiten genügen. Da es diesen Stil ausschließlich in Portugal gibt, werden wir auch nicht mehr allzu viel davon zu sehen bekommen.
Nachdem wir in der sommerlichen Hitze einmal die gesamte Burgmauer abgelaufen sind und im Klostergarten ein paar Orangen geerntet haben, sind wir ziemlich geplättet vom heutigen Besuch.

Nur Ferdinand, der sich die ganze Zeit gemütlich hat tragen lassen, ist bei vollen Kräften und lässt die Orangen über das historische Kopfsteinpflaster rollen.
