Mit der Straßenbahn über sieben Hügel

Nach unseren einsamen Naturabenteuern an der Steilküste freuen wir uns so richtig auf die geballte Zivilisation und Kultur in Lissabon.

Am Morgen einer eiskalten klaren Nacht mit atemberaubendem Sternenhimmel auf unserer Klippe (das Klappdach lassen wir bei diesem Temperaturen noch geschlossen), hoppeln wir im tapferen Bulli über unwegsames Gelände zurück auf die Landstraße.

An Autobahnen im Süden haben die Portugiesen eindeutig gespart. Eine gefühlte Ewigkeit zuckeln wir durch kleine Ortschaften und über eine halbe Million Kreisverkehre den samstäglich phlegmatischen LKW’s hinterher, die wohl auch alle nach Lissabon wollen und lieber Autobahn gefahren wären.

Wenn man in Portugal dann endlich eine Autobahn erreicht hat, gibt es 3 Möglichkeiten: entweder sie sind kostenfrei (kommt nur auf sehr wenigen Streckenabschnitten vor), oder es gibt ein saftig abkassierendes Maut-Häuschen (kommt manchmal vor), oder man fährt ohne Vorwarnung auf die Autobahn, das Nummernschild wird während der Fahrt gescannt und wenn man sich nicht vor Antritt der Reise mit seiner Kreditkarte in einem dubiosen Portal registriert hat, damit alle (unverschämt hohen!) Mautgebühren automatisch abgebucht werden, bekommt man nach jeder Autobahnfahrt einen Bußgeldbescheid bis zu 250€ nach Hause. Ich hätte es wahrscheinlich drauf ankommen lassen und auf die ganze Maut gepfiffen, aber Uwe bricht nur ungern mit dem Gesetz und lässt viele Nerven bei verschiedenen Ämtern, unzähligen Telefonaten, Mails und Coupons, deren Guthaben man im Nachhinein aufwändig und ausschließlich in den rar gesäten Postfilialen erwerben und per SMS versenden muss, worauf man eine Bestätigungsnachricht bekommt, auf die wir heute noch warten. Alles in allem also ein riesiges Chaos und ein unglaublicher Aufwand. Das ist wohl auch der Grund, warum wir keinen einzigen Touristen auf der Autobahn antreffen. Alle fahren ausschließlich Landstraße.

Wir haben aber nicht so viel Zeit und hoffen, dass wir einigermaßen gesetzeskonform Lissabon erreichen. Die gebührenpflichtige Einfahrt über die riesige rote Brücke „Ponte 25 de Abril“ die sich über die Breite Mündung des Tejo spannt, ist jedenfalls spektakulär.

Wir sind ein bisschen stolz, auf unseren eigenen vier Rädern so eine ferne, sagenhafte Stadt wie Lissabon erreicht zu haben.

Eine Nacht wollen wir im VW-Bus auf einem herrlich gelegenen, zentralen Stellplatz am Fluss übernachten, um den dortigen Sehenswürdigkeiten von Belém einen Besuch abzustatten, bevor wir uns uns Innere der portugiesischen Hauptstadt vorwagen.

Die sommerlichen Temperaturen und die Touristenströme, die einen augenblicklich darnieder drücken, müssen wir erst einmal mit den weltbesten Pasteis de Nata im Schatten einer zum Café umgebauten Straßenbahn verarbeiten.

Danach geht es ins berühmte Kloster „Mosteiro dos Jerónimos“, das schon von der Uferpromenade aus weithin sichtbar war.

Um diese Zeit stehen zum Glück keine Besucher mehr an der Kasse an und wir haben die wunderschönen doppelgeschössigen Kreuzgänge fast für uns allein.

Hier begegnen wir einem ganz neuen Stil: der Manuelinik, benannt nach dem portugiesischen König Manuel I., der um 1500 das Kloster im spätgotischen Stil errichten ließ. Hier war der Start- und Zielpunkt der bekannten Entdecker und Seefahrer, wie Heinrich I. oder Vasco da Gama, an dessen Grab wir hier ebenfalls vorbeikommen.

Mir gefallen die verschnörkelten Bögen des Baustils sehr, Uwe findet alles zu kitschig, Luise dreht sich unter den aufwändig verzierten Säulen wie eine Prinzessin und Ferdinand tatscht staunend an den steinernen Rosenblüten und Löwenköpfen herum.

Die Kathedrale schließt sich dunkel und eindrucksvoll ans Kloster an. Von der Empore aus entsteht ein Sog, der einen zwischen die riesigen manuelinischen Säulen in den Kirchraum ziehen will.

Nach diesem äußerst monumentalen Bauwerk sammeln wir Frischluft auf dem Dach des raffiniert neu gestalteten Museums für moderne Kunst und genießen den Blick über die Dächer Lissabons. Es ist noch so wunderbar warm, ein richtiger Sommerabend.

Wir haben eine sehr ruhige Nacht am Ufer des Tejo, am Morgen strahlt die Sonne über die sieben Hügel Lissabons und wir machen uns beizeiten auf den Weg, die Uferpromenade entlang zum Torre de Belém, einem alten Seefahrerturm, ebenfalls im manuelinischen Stil. (Uwe:“Muss das sein…?“)

Das Bauwerk ist aber äußerst eindrucksvoll, überall die Kreuze der Templer- und später Christusorden, denen die Seefahrer im 15.Jh alle angehörten. Im Vordergrund die Madonnen-Statue, die bis heute alle vorbeifahrenden Kapitäne grüßen. Man hat von hier oben eine wunderbare Sicht über ganz Belém bis in die Altstadt von Lissabon und auf der anderen Seite bis ans Meer zur Mündung des Tejo.

Beim Verlassen des Turmes sind wir sehr froh über unser frühes Aufstehen, denn bereits am späten Vormittag staut sich eine beachtliche Menschenmenge am Einlass, da nur 200 Personen gleichzeitig den Torre von Belém besuchen dürfen.

Wir schlendern gut gelaunt an vielen Segelbooten, Cafés und Sandwich-Bars vorbei zum Bulli zurück und fahren in den nördlichen Teil Lissabons, um die Gulbenkian-Stiftung zu besuchen, einen großzügigen Garten mit zwei Kunstmuseen und einem Konzertsaal mit Blick ins Grüne, in dem Uwe noch vor seiner Hannoveraner Zeit als Mitglied des „Ensemble Recherche“ für Neue Musik schon einmal aufgetreten ist.

Die beiden Museen und drei Cafeterias sind trotz des jeweils sehr eigenwilligen Angebots am Sonntagnachmittag komplett überfüllt.

Luise nimmt’s aber alles mit Humor und rennt auch unbeirrt zwischen den Shisha rauchenden Studenten und rundbebrillten Zeitungslesern durch den schattigen Garten.

Am Abend beziehen wir unser kleines Apartment mitten in der Altstadt und stellen fest, dass die sagenumwobene Straßenbahnlinie E28 direkt vor unserer Haustür hält.

Natürlich machen wir am nächsten Tag als erstes eine Stadtrundfahrt in dieser kleinen hölzernen Kiste.

Mittlerweile sind die kleinen Straßenbahnen, die halsbrecherisch steil die engen Gassen der sieben Hügel, auf denen Lissabon erbaut ist, hinauf- und hinunter ächzen, von Touristen hemmungslos überfüllt. Trotz vergünstigter Fahrpreise und Wohnkosten werden die Einheimischen zunehmend aus ihrer eigenen Stadt verdrängt, jede freie Wohnung wird an Feriengäste vermietet und in die Tram schafft man es eigentlich nur an den Start- und Endhaltestellen.

Inzwischen ist meine Tante Netti aus Berlin zu uns gestoßen und kleidet unser schwitzendes Kind erst einmal sommerlich neu ein. So kann man sich natürlich sehen lassen auf den Straßen Lissabons.

Mit dem uralten Aufzug „Elevador de Santa Justa“ aus dem Jahre 1902 lassen wir uns über die rotbraunen Dächer der Hauptstadt befördern und genießen einen wunderbaren Ausblick über die verschachtelten Gassen, die Burg und den breiten Tejo.

Auf den großen Plätzen Lissabons, wie an der Rua Augusta, brennt einem die Sonne derart heiß auf den Schädel, dass dies nur mit einem großen Eis, Füßen ins Wasser und einer dezenten Straßen-Soul-Band zu überleben ist.

Nach einem ausgedehnten Stadttag wird Luise, die die ganze Zeit tapfer doppelt so viele Schritte machen muss wie wir, langsam müde und möchte unbedingt mit der Straßenbahn zurück in die Ferienwohnung.

Die Gassen sind hier derart eng und steil, dass mir vor jeder Kurve und erst recht bei entgegen kommenden Strassenbahnwagen das Herz stehen bleibt. Und man muss die Kinder gut am Schlafittchen packen, sobald eine Tram haarnadelscharf an einem vorbei rattert.

Auf dem Rückweg biegt Uwe kurz entschlossen zum Barbiere ab, der mit einer einladenden Geste nur ein paar Häuser neben unserer Haltestelle auf einen freien Frisierstuhl deutet und Uwe einen Haarschnitt für 8€ anbietet.

Wir sind auf alles gefasst. Doch als Uwe nach nur 15 Minuten den Salon verlässt und im Apartment die gekürzten Haare wieder in die gewohnte Richtung zurück geföhnt hat, sind wir äußerst zufrieden mit dem Ergebnis.

Kulinarisch haben wir Portugal allerdings (bis auf die fantastischen Pasteis de Nata) noch nicht viel abgewinnen können. Die Hauptgerichte bestehen fast alle aus Reis mit Pommes, dazu wahlweise ein Stück durchgebratenes Fleisch mit Spiegelei oben drauf oder ein sauer eingelegtes Thunfischfilet oder ein mit Öl und Essig übergossenes Stück Kochfisch. Wir ziehen es vor, in den folgenden Tagen lieber selber zu kochen.

Am nächsten Morgen verlassen wir leider Lissabon schon. Eigentlich bräuchte man hier viel mehr Zeit, es gibt tausende kleine Läden zu entdecken, Bars und Gässchen, Ausblicke und wunderschön gekachelte Häuserfassaden.

An einem kleinen Eckladen machen wir dennoch Halt: hier stapeln sich hübschen Konservendosen bis unter die Decke. Herrliches Olivenöl, Salz und natürlich alle Arten von Fisch befinden sich darin. Am liebsten hätte ich gleich die 30kg schwere Thunfischdose mitgenommen, doch hinsichtlich unseres begrenzten Platzangebots im Bulli, schleppen wir nur eine dicke Tüte Mitbringsel aus dem Laden, die uns der geduldige Verkäufer in liebevoller Kleinarbeit alle einzeln verpackt.

Bevor wir Lissabon ganz hinter uns lassen, statten wir der westlich vorgelagerten Kleinstadt Sintra einen Besuch ab. Hier landeten schon im 10.Jh die Mauren, was man an der Ausschmückung des Palácio Nacional unschwer erkennen kann. Ansonsten diente das Schloss seit dem 14. Jh als königliche Sommerresidenz.

Luise fühlt sich wie im Paradies. Endlich kann sie ein echtes Schloss besuchen, wo die echte Prinzessin gelebt hat. Luise ist schon die ganze Reise völlig im Märchen- und Prinzessinnenfieber. Wir haben beim Mitnehmen an kiloweise Märchenbüchern und Hörspielen auch wirklich nicht gespart.

Besonders hübsch ist der Ballsaal, die ganze Decke ist hier mit Gänsen (hässlichen Entlein) dekoriert.

Ansonsten sind die Touristen normalerweise eher an anderen Dingen interessiert. An terrassenförmigen Gärtchen, den Gemälden der vergangenen Herrscher und am pompösen Wappensaal zum Beispiel.

So etwas lässt Luise natürlich völlig kalt. Wir ruhen uns im wunderschönen Innenhof des Schlosses aus und lassen uns die Sonne auf die Nasen scheinen. Die letzte Gruppe an Japanern scheint durch zu sein, endlich legt sich eine sanfte Stille über das Schloss.

Wir belagern so lange den sonnigen Platz, bis uns das Personal aus dem Museum fegt. Im Winter habe die meisten Sehenswürdigkeiten nur bis 17 Uhr geöffnet und auf eine pünktliche Schließzeit achten selbst die Portugiesen ganz genau.

Wir rappeln uns auf und trödeln durch die blühende Landschaft zum Bulli zurück, der uns heute noch ein ganzes Stück weiter nach Norden bringen soll.