Bücher über Bücher

Nach den äußerst beeindruckenden monumentalen Pracht-Bauten der tausend Jahre alten religiösen Gemeinschaften in Batalha, Fátima und Tomar sind wir ziemlich geplättet und hängen ein bisschen in der Wäsche.

Mit Mühe erreichen wir am Abend nach unserem Besuch bei den Tempelrittern noch die alte Universitätsstadt Coimbra. Hier kann man sehr unkompliziert mit weiteren 80 Wohnmobilen am Ufer gegenüber der Altstadt stehen und wenn man den richtigen Platz (mit Aussicht auf etwas anderes als die Wohnbuswand des Nachbarn) erwischt, dann kann man über grüne Wiesen direkt auf den Fluss und die Stadtsilhouette schauen.

Wir laufen über eine kleine Fußgängerbrücke ins wieder einmal sehr bergige Herz Coimbras hinein und da wir aus Erfahrung nun von portugiesischen Restaurants Abstand nehmen wollen, hieven wir den Buggy über holprige Gassen bis zu einer spanischen Tapas-Bar hinauf, wo beide Kinder gefühlt die halbe Speisekammer leeren.

Sehr satt laufen wir durch die ausgestorbenen nächtlichen Straßen zurück zum Bulli. Etwas sehnsüchtig denken wir an die lauen Abende in Sevilla zurück, wo auch nachts um halb 11 Ende Februar noch die halbe Stadt auf den Beinen war…

Hoch oben über der Altstadt thront die alte Universität, das Wahrzeichen von Coimbra mit einer weltberühmten altehrwürdigen Bibliothek, die wir natürlich morgen besuchen wollen.

Am nächsten Morgen brauchen wir eine Weile, um uns von der ungeheuer kalten Nacht im Bulli zu erholen. Mit offenem Klappdach sind die Temperaturen um diese Jahreszeit wirklich nicht zu unterschätzen. Da einen auch nur ein dünner Zeltstoff von der Außenwelt trennt, kommt man sich vor, als würde man geradewegs auf der nebenliegenden Schnellstraße übernachten, oder unterm Auspuff des die ganze Nacht mit Dieselheizung ratternden Nachbarn in seinem vollisolierten „Carthago Deluxe“.

Doch die Wiesen am Mondego, der sich malerisch um Coimbra schlängelt, sind herrlich saftig und großzügig angelegt. Alles ist voller Studenten und Paddelboote, und sobald man den Wohnmobilpark hinter sich lässt, kann man auch den Charme der wunderschönen Stadt spüren.

Wir kraxeln mal wieder mit Kind und Kegel bis zum höchsten Punkt der kleinen Stadt hinauf, wo wir auf dem riesigen Hauptplatz der Universität landen. Um die Mittagszeit ist es hier schon im Frühjahr brütend heiß – im Sommer kann man es sicher nur mit „Kühlis auf dem Kopf“ (so nennt Luise die knetbaren Kühlakkus, die es im Kindergarten auf jede Beule gibt) aushalten.

Wir haben drei der streng limitierten Tickets für die uralte „Biblioteca Joanina“ ergattern können (angebliche eine der spektakulärsten Bibliotheken der Welt) und werden wie Häftlinge unter strengster Aufsicht in kleinen Grüppchen über verschiedene Vorräume schließlich in das Heiligtum der Universität geführt.

Selbst Studenten dürfen hier nicht hinein, geschweige denn, Bücher ausleihen. Alle 21 Tage wird jedes Buch in einem desinfizierten Raum mit einem Antioxidationsmittel behandelt, eine kleine Kolonie Fledermäuse wird des nachts auf die eventuellen Schädlingsinsekten zwischen den Regalen losgelassen, die Professoren dürfen die Bücher nur mit Handschuhen in speziell belüfteten Räumen aufschlagen und Fotos sind hier natürlich strengstens verboten. Obwohl uns die alten Bände und die wunderschönen Regale wirklich ausgesprochen gut gefallen, muss ich leise lächelnd an die südspanischen Klöster denken, wo 500 Jahre alte Bücher unbeachtet neben brüchigen Altären vor sich hin stauben.

Wir dürfen auch nur genau 7 Minuten hier verweilen (wie genau kommt man auf dieses Zeitfenster?), dann werden wir wieder ins grelle Sonnenlicht des Universitätsplatzes geschickt.

Nebenan wird von heimischen Studenten die Universitätskapelle bewacht, die innen leider fast komplett unter einem Baugerüst verschwindet. Die bunt verzierten Decken finde ich aber ohnehin am Schönsten.

Als letztes besichtigen wir noch den herrschaftlichen Teil der alten Universität, wo früher der König residiert hat und sich jetzt die Aula und der große Prüfungssaal befindet.

Hier schauen alle Rektoren seit 1290 auf den Prüfling herab. Ich würde wahrscheinlich kein einziges Wort herausbringen…

Kaum dass wir die alte Universität verlassen, wo alles wunderbar restauriert und piekfein aufgeräumt war, bildet das reale Stadtleben einen mächtigen Gegensatz dazu. Mein Opa, der leidenschaftlicher Elektrikermeister ist, würde hier wahrscheinlich aus Sicherheitsgründen der halben Stadt den Saft abdrehen.

Dennoch gefällt uns Coimbra sehr gut, außerhalb der musealen Universität sprudelt zumindest tagsüber das studentische Leben am Fluss und auf den großen Plätzen.

Doch wir haben schon die nächste Stadt vor Augen: Porto. Mit dem VW-Bus geben wir ordentlich Gas, denn am Ziel winkt eine erlösende Dusche in einem kleinen Apartment mitten in der Altstadt. Hinsichtlich der Parkgebühren beißen wir in den sauren Apfel und stellen uns in die höchste, zentralste und am besten bewachte Tiefgarage gleich neben der Ferienwohnung, da uns schon einige Erfahrungsberichte vor der Kriminalität der Stadt gewarnt haben. („In Lissabon bitten dich die Diebe höflich um deine Geldbörse, in Porto schlitzen sie dir einfach die Jacke auf.“)

Unsere erste Begegnung am nächsten Morgen ist allerdings ein Schwarm kreischender Möwen, der hungrig vor unserer Dachterrasse auf die üblichen Küchenabfälle wartet.

Die nächsten, die warten, sind wir. Nämlich am schönsten Buchladen der Welt, an der „Livraria Lello“ aus dem Jahre 1869.

Völlig absurd, dass die Leute hier teilweise anderthalb Stunden anstehen, nur um in diesen Buchladen zu kommen. Allerdings wurde hier auch der erste Teil der berühmten Harry-Potter-Bände von J.K.Rowling verfasst – kein Wunder, dass seit dem mehr Touristen hier her pilgern als auf dem Jakobsweg.

Dank der schreienden Kleinkinder dürfen wir an der Schlange vorbei in den sagenhaften Buchladen schlüpfen. Leider kann man hier drinnen vor Menschenmassen kaum einen Fuß vor den anderen setzen, geschweige denn ein Buch aufschlagen, doch wenn man sich all diese Befindlichkeiten weg denkt, ist die Buchhandlung wirklich ein absoluter Traum.

Tapfer schaufle ich mich mit Ferdinand auf dem Rücken bis zur Kinderbuchecke durch, wo deutlich weniger los ist und wir unser Eintrittsgeld beim großzügigen Bücherkauf gegenrechnen können.

Nach einer Stunde atmen wir wieder Frischluft und müssen am wunderschön gekachelten Bahnhof St. Bento leider Netti verabschieden, die heute zurück nach Berlin fliegt.

Uwe und ich spazieren mit den Kindern über die riesige schmiedeeiserne Brücke „Ponte Luis I.“ (1881 vom Unternehmen Gustav Eiffels erbaut), die sich gewaltig über den Douro spannt.

Am anderen Ufer wimmelt es nur so an Portwein-Lokalen und -Keltereien. Doch da ohnehin gerade Fastenzeit ist und wir wenig Lust haben, den Kinderwagen schon wieder viele Höhenmeter über Kopfsteinpflaster hinunter und später wieder hinauf zu quälen, sehen wir kein einziges Gläschen Portwein während unseres Besuches in Porto.

Die vielen Wiesen an den Hängen des Flusses laden zum Verweilen ein, Ferdinand krabbelt entdeckerfreudig unter den Sitzbänken herum und wir müssen echt hinterher sein, dass er keine Zigarettenstummel probiert.

Am frühen Abend gehts durch sonnige Gassen in die Ferienwohnung zurück und beide Kinder verlangen endlich mal wieder nach einem anständigen Abendessen: Nudeln mit Tomatensoße. (Jetzt wäre Uwe und mir so ein Gläschen Portwein doch ganz recht gewesen…)

Am nächsten Morgen statten wir dem nahegelegenen Kirchturm „Torre des Clérigos“ einen Besuch ab, der hoch über der ganzen Altstadt thront und wo sich Luise sofort sicher ist, dass da oben Rapunzel gewohnt hat.

Bereits ab 11 Uhr steht auch hier eine lange Warteschlange, an der wir gerade noch vorbei huschen können. Vom Turm aus hat man eine tolle Sicht über die ganze Stadt. Auch auf den nahe gelegenen Lello-Buchladen und die säuberlich aufgereihten wartenden Menschen davor…

Nun reicht es uns endgültig mit Warteschlangen und Touristenhighlights – wir zischen ab über die Grenze nach Galicien, wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen.