„Auf in den Kampf, Torero!“

Heute Mittag steuern wir die Hauptstadt Andalusiens an: Sevilla! Die Stadt des Stierkampfes, der Lebenslust, der Sommerwärme und einer der größten gotischen Kathedralen der Welt.

Lässig lenken wir unseren Bulli durch das dichte Getümmel. Langsam sind wir abgehärtet und lassen uns nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen. In der Nähe des Bahnhofs neben einer etwas zwielichtigen, aber stets gut besuchten Bar stellen wir unseren Bus ab und rattern 25 min lang mit den kleinen Rädchen unseres schwer beladenen Kinderwagens über die holprigen Fußsteige in die Innenstadt Sevillas.

Hier beziehen wir für 2 Tage ein Apartment, das wie alle südeuropäischen Ferienwohnungen, die wir bisher auf unserer Reise besucht hatten, leicht abgeranzt und brüchig daher kommt. Es fehlen mindestens die Hälfte aller Glühbirnen in den Lampen, die Dusche sprüht ihren mäßigen Wasserdruck in alle Richtungen, die Handtücher hinterlassen einen seltsamen Film auf der Haut, Besteck gibt es kaum, der Geschirrspüler geht gar nicht und der Waschmaschine fehlt die komplette Außenverkleidung, weshalb man weder Fabrikat, noch Waschprogramme erkennen kann und wir mit einem Stoßgebet auf gut Glück unsere Wollpullover in die Trommel stecken. Bis auf Ferdinands Pulli, der jetzt nur noch einem Hamster passt, haben es aber alle Klamotten gut überlebt.

Nun gehts aber raus, unter die zahlreichen Touristen mischen, die Sevilla auch im Februar bevölkern. zum Glück haben die Kinder gute Laune.

Als erstes steht die Stierkampfarena auf dem Programm. Hier gibt es heute Nachmittag freien Eintritt bis 19 Uhr. Auf dem Weg dorthin vertrödeln wir ein bisschen die Zeit an der einen oder anderen Tapas-Bar und als wir 16 Uhr an der größten Arena Andalusiens ankommen, sind bereits alle Tickets für den restlichen Tag vergeben.

Stinksauer fluchen wir über die schlecht organisierten Spanier, diese raffzähnigen Touristen und überhaupt die ganze brutale Tradition des Stierkampfes, die ohnehin seit Jahren abgeschafft gehört; man könnte die Arena viel sinnvoller als Open-Air-Kino, Streichelzoo oder Spielplatz nutzen.

Wahrscheinlich werden wir alle bei der nächsten „Carmen“-Aufführung zu Hause in der Oper (egal ob auf, vor oder unter der Bühne) spätestens im 3.Akt beim triumphalen Einmarsch des Toreros in die Arena von Sevilla kurz an die ausverkauften Tickets denken und verhalten schmunzeln müssen.

Da alle anderen Sehenswürdigkeiten Sevillas heute geschlossen haben, laufen wir an Flamencotänzerinnen vorbei zum Plaza de Espana, der Anfang des 20.Jh für die Weltausstellung in Sevilla angelegt wurde.

Der Springbrunnen sprüht den halben Platz nass und kleine Boote rudern durch den mit Brücken überspannten Kanal.

Der Platz ist voll mit tanzenden und musizierenden Flamenco-Darstellerinnen, die Luise völlig in den Bann ziehen.

Wir genießen die herrliche Sonne, Ferdinand geht auf Entdeckungstour und nestelt fasziniert an den verzierten Keramik-Säulen der Brückengeländer herum.

So lassen wir den Tag sehr entspannt ausklingen. Erst 19:30 Uhr wird es hier dunkel und die Wärme hält sich noch lange in den belebten Gassen der wunderschön beleuchteten Altstadt.

Am nächsten Morgen beeilen wir uns sehr, um vor dem ersten Andrang in den „Alcazar“, dem Schloss von Sevilla, welches sehr zentral neben der Kathedrale liegt, zuvorzukommen. Tatsächlich müssen wir „nur“ 15 min anstehen, um die Gemächer und Gärten der maurischen und später christlichen Herrscher zu besichtigen.

Auch hier überwältigt uns die Leichtigkeit, der Glanz und die Kunstfertigkeit der maurischen Baukunst.

Die wunderschönen Kacheln, die Bögen, lichten Innenhöfe und verzierten Säulen sind der Alhambra fast gleich, auch wenn die Anlage in Granada mit der außergewöhnlichen Lage auf dem Berg und dem Blick in die Sierra Nevada noch wesentlich atemberaubender ist.

Luise findet es hier natürlich wieder großartig und wuselt prinzessinnengleich zwischen allen Besuchern herum, die ihre Diener sind, und des Öfteren bleibt dem Museumspersonal das Herz stehen, wenn Luise rückwärts knapp am Rand eines kunstvollen Wasserbassins vorbei tanzt.

Noch schöner als die Innenräume des Palastes finde ich allerdings die sich endlos verzweigenden, wunderbar angelegten Gärten des Alcazar.

Hier draußen ist es schon richtig warm und Ferdinand müssen wir nach einer halben Stunde ausgiebigen Wasserspielens neu einkleiden.

Auch in den Gärten finden wir herrlich gekachelte Häuschen, Bänke und Springbrunnen. Die Orangen, die hier wachsen, kann man leider auch wieder nicht essen, obwohl sie so verlockend aussehen und eine Vielzahl an Touristen mit Staffeleien anlocken, die sich mit Ölfarben und Leinwänden ausbreiten.

Ich hätte so gerne auch mal wieder gemalt – seit einem Monat liegen meine Malsachen unbeachtet irgendwo unter der Rückbank im Bulli… mit zwei kleinen Kindern kommt man einfach nicht dazu.

Auf dem Vorplatz des Alcazar stehen heute mindestens 30 Pferdekutschen und warten auf Kundschaft. Luise wäre am liebsten mit jeder einzelnen gefahren, doch wir haben schon unsere Tickets für die Kathedrale nebenan.

Die Kathedrale kennt man vor allem durch den großen Glockenturm, die Giralda, das Wahrzeichen Sevillas, welches Luise sogar auf dem marmornen Kirchboden gefunden hat.

Die Kathedrale zählt mit 115m Länge und 76m Breite zu den größten Kirchen der Welt. Auch ihr musste im 15.Jh eine Moschee weichen. Die fünf Kirchenschiffe erheben sich mächtig über den Besucher und man kommt sich äußerst verloren und unbedeutend vor.

Im Inneren der Giralda geht es zwischen vielen Touristen eine breite Rampe hinauf, so dass früher sogar berittene Soldaten die Spitze des Kirchturms erreichen konnten.

Von hier oben hat man einen tollen Blick über die riesige Kathedrale und den angrenzenden Orangenhof. Viele Ähnlichkeiten zur Mezquita in Córdoba fallen ins Auge, schließlich hatten die Herrscher doch alle die gleichen Baumeister, die sie sich untereinander „ausliehen“.

Den Kindern ist es allerdings zu voll hier oben und sie wollen lieber wieder ins kühle Innere der Kathedrale zurück.

Da wir uns vorher nur ungenügend informiert haben, sind wir sehr überrascht, hier das Grab von Christoph Kolumbus vorzufinden, das natürlich äußerst imposant drapiert wird.

Wir erklären Luise, dass da die Knochen von Kolumbus (der ihr von dem Kinderlied „Ein Mann, der sich Kolumbus nannt“ ein Begriff ist) drin sind, was ihr lange zu denken gibt. Am Ausgang fragt sie, ob da auch Kolumbus‘ Hund mit drin ist (wegen der leckeren Knochen).

Der Orangenhof ist erfüllt von dem herrlich frischen Duft der Früchte, die man leider immer noch nicht essen kann, da es Zierorangen sind. In der nächsten Bar kaufen wir uns alle ein großes Glas frisch gepressten Saft.

Wir verbummeln den Abend in den bunten Gassen Sevillas, bevor wir erschöpft in die Ferienwohnung zurück kehren und mit den spärlichen Mitteln die uns zur Verfügung stehen, tatsächlich eine leckere Tortilla zaubern.