Perlen im Norden Andalusiens

Unser Besuch der Alhambra sitzt uns noch lange nachhaltig im Nacken. Wir sind völlig hingerissen und derart in die maurische Geschichte eingetaucht, dass wir ein bisschen Erholung für Geist und Auge brauchen. Da kommen uns die kilometerweiten schnörkellosen Olivenfelder, die sich im Norden an Granada anschließen, gerade recht.

Vorbei gehts ein letztes Mal am „Nevada“-Shoppingcenter, der uns dieses Mal besonders profan vorkommt und geradezu Wutgefühle über unsere konsumorientierte Gesellschaft auslöst.

Nach nur wenigen Kilometern befinden wir uns im Niemandsland, völlig einsam auf einer Landstraße, umgeben von Olivenbäumen so weit das Auge reicht.

Im Norden Andalusiens erstreckt sich das größte Olivenanbaugebiet Spaniens. Wir fahren eine Stunde lang durch die sanften, in geraden Linien bepflanzten Hügel bis zur kleinen Stadt Úbeda, die unser Reiseführer als verschlafenen untouristischen Geheimtipp beschreibt. Dafür ist der Stellplatz hier allerdings erstaunlich voll. Wir verziehen uns in eine Ecke, um nicht vom Schatten der Hymer-Giganten erdrückt zu werden und Uwe bastelt unerschrocken aus unserer türkisfarbenen Wäscheleine ein farbenfrohes Netz zwischen unserem Bulli und dem Zaun der angrenzenden Olivenölfabrik. Wir hoffen, spätestens morgen Abend wieder trockene Wäsche zu haben.

Ein knallroter Sonnenuntergang hebt die auf dem gegenüberliegenden Hügel aufragende „Zwillingsstadt“ Baeza eindrucksvoll hervor. Wir sind zu erschöpft für eine Tour durch die Tapas-Bars und begnügen uns mit Nudeln im Bulli, was Ferdinand ganz besonders zelebriert.

Der nächste Morgen beginnt damit, dass uns ein schusseliger Spanier mit seinem unförmigen Wohnmobil gegen die geöffnete Heckklappe donnert. Offenbar passiert ihm das nicht das erste mal, denn er hat routiniert binnen Sekunden alle nötigen Versicherungspapiere gezückt und weiß genau, was zu tun ist. Unser Frühstück geht im aufwändigen Ausfüllen mehrerer Formulare unter. Zum Glück ist die Heckklappe noch benutzbar und dieser Blog erfährt an dieser Stelle kein jähes Ende.

Die kleine Stadt Úbeda mit ihren vielen Renaissancebauten, alten Kirchen und sonnenbeschienenen Plätzen können wir sehr genießen.

Die Sehenswürdigkeiten öffnen erst am Nachmittag, also wandern von einer Tapas-Bar zur nächsten. Ansonsten gibt es hier nicht viel, außer hochpreisiger Keramik, die sicher nur von amerikanischen Touristen gekauft wird.

Wir laufen einmal durch den ganzen Ort und rundum hat man von der Stadtmauer einen herrlichen Blick auf die endlosen Olivenfelder.

Die Hauptattraktion Úbedas ist die Renaissancekirche San Salvador, auf einem wunderschönen Platz am Rande der Altstadt gelegen.

Innen erschlägt einen die Wucht des ausufernden vergoldeten Altars, der sich dennoch auf wundersame Weise harmonisch in den luftigen Kirchraum einfügt.

Wir lassen den Tag zum Unmut anderer Touristen mit Herumtoben, Verstecken und Märchenspielen („Wohnt hinter dieser Tür Aschenbrödel?“) ausklingen und sind froh, dass beide Kinder unsere Kulturausflüge so geduldig mitmachen.

Am nächsten Tag wollen wir unbedingt noch Úbedas kleiner „Zwillingsstadt“ Baeza auf dem gegenüberliegenden Hügel einen Besuch abstatten. Wir sind früh dran, gegen 10 Uhr am Sonntag ist der kleine Ort geradezu ausgestorben.

Wir sind die ersten Gäste der Kathedrale, die innen eher schmucklos und wenig aufregend daherkommt. Mir gefällt die alte holzgeschnitzte Kanzel am besten, die allerdings weder im Audioguide, noch im Kunstführer erwähnt wird. (Bei den Spaniern stehen eher die silbern verzierte Monstranz mit den Reliquien und die schwülstigen goldenen Seitenkapellen mit lebensgroßen Marienpuppen im Vordergrund.)

Vom Kirchturm aus hat man einen schönen Blick über den kleinen Ort und – nun ja, wieder endlose Olivenfelder bis zum Horizont. Gerade als wir alle Treppen nach oben geschafft haben, dröhnen die Glocken los und wir springen vor Schreck fast aus dem Turm.

Im kargen angrenzenden Kloster finden wir ein uraltes Bücherregal mit bis zu 1m hohen Einbänden, die wohl seit Jahrhunderten niemand mehr angerührt hat.

Als wir zum schmalen Ausgang zurück wollen, werden wir von einer riesigen japanischen Gruppe zurückgedrängt, die Hals über Kopf in die Kathedrale stürzt. Dahinter noch eine spanische Reisegruppe, danach eine Führung auf Russisch. Binnen Minuten hat sich der Kirchraum mit rosafarbenen Mänteln, goldumrahmten Sonnenbrillen, Selfiesticks und lauten Stimmen gefüllt. Schnell suchen wir das Weite. Baeza scheint mittlerweile auf der Hauptattraktions-Route Andalusiens zu liegen.

Nach einem kurzen Besuch der wohl kleinsten und schönsten Universität der Welt (siehe obiges Bild) machen wir uns auf die Weiterfahrt. Großes steht uns nun bevor. Unsere nächste Station heißt Córdoba.

Die riesige Moschee und Kirche „Mezquita“ habe ich noch nie gesehen und bin wahnsinnig gespannt.

Córdoba war im alten Römischen Reich eine der wichtigsten Städte überhaupt und wurde im 8.Jh von den Muslimen erobert. Wir erobern immerhin einen Stellplatz am Rande der Altstadt und wagen uns in die historischen Gemäuer vor.

Als erstes laufen wir an der hiesigen Alcazaba vorbei, der Festung Córdobas, die sehr malerisch unter Palmen und Orangenbäumchen in der Nachmittagssonne leuchtet.

Auf einem der kleinen Plätze im Viertel San Basilio müssen wir bei gegrillten Calamaris, frittierten Auberginen und Orangen mit Mandeln und Zimt Halt machen. Luise hat anfangs immer nur nach Pommes verlangt – mittlerweile traut sie sich an alle Fischgerichte, Artischocken und Meeresfrüchte heran.

Im Abendsonnenschein liegt die riesige 23000qm große, nicht allzu hohe Mezquita wie eine große schwere Schildkröte inmitten der Altstadt.

Viele Besucher wuseln umher und genießen die warmen Abendstunden. Wir wollen die Kirche erst morgen früh besuchen, wenn der Touristenandrang etwas geringer ist. Gemütlich laufen wir über die Puente Romano und die alte Brücke ist vollgestopft mit Musikern, Straßenkünstlern und Kindern auf bunten Rollern.

Endlich finden wir auch einen der spärlich gesäten Spielplätze für Ferdinand und Luise und streiten uns mit den spanischen Müttern um die Babyschaukel. Manches ist dann doch überall auf der Welt gleich…

Am nächsten Morgen klingelt in aller Herrgottsfrühe der Wecker. Draußen ist es noch eisig kalt und ich muss beide Kinder wieder in ihre Skianzüge packen, die ich in diesem Urlaub eigentlich nicht nochmal hervorkramen wollte.

Einem Insider-Tipp zufolge kann man die Mezquita wochentags zwischen 8.30-9.30 Uhr kostenfrei und fast menschenleer besuchen.

Außer uns haben sich nur wenige Besucher zu dieser unwirtlichen Zeit (nach spanischen Verhältnissen) aus dem Bett gequält und wir haben die riesige Moschee aus dem Jahre 784 n.Chr. fast für uns allein.

Da die Stadt Córdoba nach der Erbauung der Mezquita immer weiter wuchs, wurden jedes Jahr weitere Bögen hinzugefügt, bis 20000 Menschen hier schließlich Platz fanden. Die Gebetsnische ist zwar nicht ganz nach Mekka ausgerichtet, aber das zu korrigieren schien den Emiren und Wesiren im Nachhinein dann doch zu aufwändig.

Schließlich jedoch wurde Córdoba im Jahre 1236 von den Christen zurück erobert, nämlich von Ferdinand (!) von Kastilien. Kurzerhand baute man mitten in die Moschee eine riesige und viel höhere Kathedrale ein, die im 15.Jh fertig gestellt wurde.

Das hat mich hier am meisten beeindruckt. Endlich wurden beide Religionen miteinander verknüpft, anstatt die vorherige Moschee dem Erdboden gleich zu machen, wie es Tausenden von Gebetshäusern in Andalusien erging.

Punkt 9:30 Uhr werden wir von einer entschlossenen Putzkolonne aus der kalten Mezquita gewischt und wärmen unsere erfrorenen Nasenspitzen im vorgelagerten Orangenhof in den ersten Sonnenstrahlen etwas auf.

Der Glockenturm hier erinnert mich stark an die Giralda in Sevilla. Tatsächlich ist der Erbauer derselbe und nach einem spanischen Frühstück mit Tostada con Tomate gehts direkt zum Zwillingsturm in die andalusische Hauptstadt Sevilla.