Andalusische Schönheiten

Den ganzen Urlaub schon freue ich mich wie ein Schneekönig auf unseren Besuch Granadas mit der wunderbaren Alhambra und der schneeweißen Sierra Nevada im schier greifbaren Hintergrund.

Wir holen am Morgen meine Cousine Elli vom Flughafen in Málaga ab (ab jetzt wird’s eng im Bulli) und fahren direkt nach Granada. Noch auf der Fahrt tönt mir die Warnung meiner Mutter in den Ohren, ich solle mich unbedingt rechtzeitig um Tickets für den nur limitiert zugänglichen Nasridenpalast auf der Alhambra kümmern. Schnell recherchiere ich auf meinem Handy in der absoluten Gewissheit, dass um diese Jahreszeit wohl genügend Eintrittskarten noch für den selben Tag verfügbar wären. Leider ist auf den Webseiten bis inklusive Mai alles ausverkauft.

Vorbei am nagelneuen „Nevada“-Shoppingcenter, dem wir unfreiwilliger Weise noch öfter begegnen werden, sausen wir zur Alhambra hinauf und ich muss an der Kasse feststellen, dass es tatsächlich nur noch Tickets am Nachmittag für die Generalife-Gärten und die Burg „Alcazaba“ gibt, die auch nur auf Vorlage all unserer Pässe und mehrerer Scans derselben verkauft werden. Erst auf dem Rückweg bemerke ich die lange Warteschlange, an der ich in meiner Hektik wohl aus Versehen vorbei gerannt bin.

Da wir nun bis zum Nachmittag Zeit haben, fahren wir einen großen Bogen um die Stadt (wieder am „Nevada“-Center vorbei) und stellen unseren Bus an der Universität ab, um nicht wieder 50€ an Parkgebühren zu bezahlen oder in einer Tiefgarage stecken zu bleiben. Leider liegt die Universität auf einem Berg. Man hat zwar eine tolle Sicht auf die Alhambra, wir müssen aber auch wieder eine halbe Stunde unser Gepäck und eine riesige Tasche mit Schmutzwäsche die schmalen Fußwege und Treppen hinunter holpern.

Etwas verschwitzt erreichen wir unser am Fuße der Alhambra gelegenes Apartment. Die Waschmaschine sieht wenig vertrauenswürdig aus, doch was bleibt uns übrig… Das Gerät scheint aus den 80gern zu stammen und lange nicht benutzt worden zu sein, denn sowohl in der Ferienwohnung, als auch im Internet ist kein Handbuch auffindbar. Wir drehen auf gut Glück einen Knopf und nach mehreren Minuten füllt sich die vollgestopfte Trommel komplett mit Wasser. Das war es dann leider auch schon. Entnervt rufen wir den Vermieter an, der versichert, am Abend das Gerät in Ordnung zu bringen.

Mittlerweile schieben wir den Kinderwagen den steilen Berg auf die Alhambra hinauf, um hier wenigstens die Gärten zu besichtigen. Es sind unglaubliche Massen an Touristen unterwegs. Richtige Lawinen an Japanern überrollen uns von hinten.

Luise pflückt eine Orange von den verlockenden Bäumchen, die aber noch sehr sauer schmeckt und Ferdinand schließlich als Ball dient.

Wir wandeln durch die wunderschön angelegten maurischen Gärten und versuchen, den Touristengruppen auszuweichen, die sich mit ihren Fotoapparaten genauso hartnäckig auf unsere blonden Kinder stürzen wollen wie auf die Orangenbäumchen und Springbrunnen.

Man hat einen tollen Blick von hier oben und Luise spielt die ganze Zeit Prinzessin, die würdevoll auf ihr Reich blickt. Beeindruckt von der Schönheit der Anlage und müde vom Herumtoben verlassen wir die Alhambra und schauen nach, was aus unserer Wäsche geworden ist.

Tatsächlich ist kein Wasser mehr in der Trommel, allerdings sind alle Klamotten klatschnass und Uwe hängt den Wäscheständer hoch an die Bilderhaken über den Heizlüfter.

Wir landen am späteren Abend mit völlig übermüdeten Kindern in einer urigen Bar, die nur von „Locals“ besucht wird (das Wort „Einheimische“ benutzt man heutzutage nicht mehr) und bekommen für 15€ viel Schinken, mehrere warme Speisen, 3 Gläser Wein, Wasser, Bier und einen Liter Portwein zum Mitnehmen.

Am nächsten Morgen ist unsere Wäsche immer noch tropfnass und ich rutsche ganz gemein auf einer Wasserlache aus, die sich neben dem nur wenig heizenden Heizlüfter gebildet hat und mein Ellbogen nimmt in den nächsten Tagen abenteuerliche Farben an.

Schließlich föhnen wir unsere nassen Klamotten, allerdings fliegt dabei 3mal die Sicherung raus und danach ist der Föhn offenbar so überhitzt, dass er innerlich explodiert und gar nichts mehr geht.

Also schleppen wir den Rest des Tages eine noch viel schwerere Tüte als auf dem Hinweg mit uns herum, da wir nun geschätzt 3 Liter Wasser zusätzlich in den Klamotten haben.

Beim eher unmotivierten Öffnen der Alhambra-Homepage leuchten plötzlich ein paar Rückläufer-Tickets für die Nasridenpaläste am Mittag auf. Sofort sichern wir uns diese und hetzen Hals über Kopf Treppen und Kopfsteinpflaster den Berg hinauf zu unserem Auto. Wir fluchen uns in höchster Eile durch den verstopften Innenstadtverkehr und rasen den uns wohl bekannten Weg am Nevada-Shoppingcenter vorbei bis zur Alhambra, rennen durch die ganze Anlage, um gerade auf die Minute zum gebuchten Zeitfenster 13:30 Uhr vor den maurischen Mauern zu stehen.

Die Kacheln und Bögen aus dem 8.Jh übertreffen einfach alles an Schönheit, das ich je gesehen habe. Dieser Ort ist so unglaublich toll, dass man eine Gänsehaut bekommt.

Ferdinand hat auch seinen Spaß, endlich kann er mal richtig herumkrabbeln und ist danach nicht völlig eingestaubt.

Natürlich spielt Luise wieder Königin und tanzt beseelt durch die Gemächer des ehemaligen Sultans.

Wir lassen uns 3 Stunden Zeit, um den maurischen Palast zu bestaunen und können nun endlich verstehen, warum alle Tickets bis zum Sommer bereits ausverkauft sind.

Sehr andächtig verlassen wir die Alhambra, demütig vor dieser uralten Baukunst und Schönheit, die uns heutzutage in so vielem überlegen war.