Eine wilde und eine gezähmte Küste

Als wir morgens am valencianischen Strand aus unserem Bulli schauen, müssen wir feststellen, dass sich die Anzahl der um uns parkenden Wohnmobile über Nacht verdreifacht hat. Entsetzt ergreifen wir die Flucht. Kurz vor Abfahrt gibt uns eine erfahrene Berliner Familie in Dauerelternzeit den Tipp mit auf den Weg, dass wir uns nicht nach diesen „Oldschool-Apps“ richten sollen, die ich nach mühsamem Recherchieren auf meinem Handy installiert habe, sondern dass alle coolen Spots nur bei „Park4night“ zu finden sind.

Dankbar machen wir uns auf den Weg. Je weiter wir nach Süden fahren, desto rauer und trockener wird die Gegend. Nach 2 Stunden kommen wir uns vor wie in einem Western-Film (die in der Umgebung von Almería übrigens tatsächlich gedreht wurden). Völlig einsam jagen wir durch unwirtliche, unbewohnte und bergige Wüsteneien, schauen in tiefe Schluchten hinab und sehen unseren Bulli mehr und mehr in eine trockene Staubschicht gehüllt.

Am Nachmittag erreichen wir endlich das sagenumwobene Cabo de Gata, ein noch völlig wilder und unbebauter Küstenstreifen östlich von Almería. Ein echter Geheimtipp aus der neuen App führt uns über unwegsames Gelände, das die Stoßdämpfer unseres VW-Busses ordentlich beansprucht, in eine malerische Bucht. Hier scheint tatsächlich die Zeit stehen geblieben zu sein. Der starke Wind lässt das Meer ordentliche Wellen schlagen, Palmen biegen sich in den Böen, von Felsen eingerahmt liegt uns der Strand rau und schön zu Füßen.

Wir kraxeln über die wilde Küste bis auf die nächste Felsnase und bestaunen dieses wunderschöne Stück Natur.

Auf dem Weg begegnen uns ein paar seltsame Gestalten. Zwei Hippies in zerrissenen Hosen mit mindestens fünf streunenden Hunden, eine rumänische Großfamilie, die sich mit 6 Kindern und 3 kleinen Hunden (!) in einen winzigen klapprigen Citroën stapelt und eine einsame Aussteigerin, die mit wilder Vokuhila-Frisur und Jesuslatschen gefährlich über das Geröll stolpert.

Aber es gibt auch den deutschen Urlauber aus Oldenburg, der sich irgendwie auch hier her verirrt hat und es unglaublicher Weise geschafft hat, mit seinem großen weißen Wohnmobil unfallfrei diesen haarnadeldünnen Küstenweg bergab zu holpern. Ob er auch nach dieser Insider-App unterwegs ist…? Zumindest scheint er sich hier nicht so wohl zu fühlen, zwischen der Handvoll an verrückten anderen verbeulten und heruntergekommenen Fahrzeugen, die sonst hier landen, denn er steigt kein einziges Mal aus und lässt die Rollläden fast die ganze Zeit bis auf einen kleinen Spalt geschlossen. Den abendlichen Neuankömmling neben unserem Bulli beäugt er mit besonderer Skepsis.

Am nächsten Tag springt Uwe wie der junge Morgen aus dem Bett und begrüßt mit einer Joggingrunde über den Strand seinen Geburtstag.

Heute gibts zwar keine Geburtstagstorte, dafür aber leckeres Knäckebrot zum Frühstück und danach eine Wanderung über die Steilküste ins nächste Dorf.

Luise läuft tapfer die vielen Klippen hinauf und hinunter und als wir endlich das weiße Dorf Las Negras erreichen, ist mein Hals vom vielen Connie-Geschichten erzählen ganz ausgetrocknet.

Zum Glück gibt es genau eine geöffnete Bar am Strand, die uns mit Schinkenbroten und Orangensaft versorgt.

Im Tante-Emma-Laden, wo wohl alle Aussteiger, die in den Hütten der nächsten Bucht leben, einkaufen, kann Uwe sogar ein paar gut aussehende, wenn auch undefinierbare Fleischspiesse erwerben, die wir am Abend festlich vor unserem VW-Bus grillen.

Am nächsten Tag klopft es nach dem Frühstück an unsere Tür. Ein etwas verwahrlostes 6jähriges Mädchen steht barfuß vor unserem Bus und möchte mit Luise am Strand spielen. Die beiden verstehen sich prächtig, auch wenn ich Luise keine Sekunde aus den Augen lasse. Ständig schnüffeln herrenlose Hunde um die beiden herum und das Mädchen wälzt sich von oben bis unten im Sand. Die Kleine spricht deutsch, auch wenn sie selber nicht weiß, wo sie herkommt. Als Luise fragt, ob das Mädchen heute schon Zähne geputzt hat, erwidert es meinem staunenden Kind, dass es nie Zähne putzen muss. Und dass am Strand überall durchsichtige Steine herumliegen. Luise erklärt ihr, dass das Quallen sind und man die roten davon nicht anfassen darf.

Die Mutter ist mit dem Mädchen und einem Hund in einem heruntergekommenen Wohnmobil allein unterwegs, „mal hier, mal dort“ nach eigener Aussage. Weg aus dem Stress und der unerbittlichen Zange unserer Gesellschaft. Noch lange nach unserer Begegnung muss ich an das Mädchen denken, das völlig orientierungslos fern jeder geordneten Zivilisation aufwächst.

Bald haben wir genug von streunenden Hunden (einer hat sogar meine alten Socken aus dem Schuhen stibitzt!), alltagsmüden Menschen und staubigem Sand. Wir sehnen uns nach etwas Kultur und Luise nach einem Eis.

Also fahren wir weiter. Die wüste vertrocknete Landschaft wird nach einiger Zeit durch riesige mit Plastikfolie überzogene Felder abgelöst, unter denen jährlich 3 Generationen an Tomaten, Erdbeeren und Gurken gezüchtet werden, die dann auch winters in deutschen Supermärkten landen. Die Menschen, die wir hier auf den Straßen sehen sind dennoch so arm, alles liegt voller Müll und jeder versucht so einigermaßen in seiner heruntergekommenen Behausung zu überleben, dass es einem in der Seele wehtut.

Da ich die Gegend aber bereits durch viele Besuche bei meinem Cousin, der zwischenzeitlich in Almería gearbeitet hat, schon ganz gut kenne, geht es für uns weiter nach Málaga, der Geburtsstadt Pablo Picassos.

Wir können uns über Nacht oben an die Burg Gibralfaro stellen und laufen mit einem traumhaften Blick über den Hafen in die abendlich freundlich summende Stadt.

Málaga gefällt uns auf Anhieb. Die altehrwürdige Alcazaba thront über der Altstadt, wo es an Tapas-Bars, warmen großen Plätzen, Picasso-Werbung und Straßenkünstlern nur so wimmelt.

Auch hier steht eine nie vollendete Kathedrale mit nur einem fertigen Turm, die nachts dennoch eindrucksvoll über die Stadt leuchtet.

Der Aufstieg zurück auf die Burg gestaltet sich mehr als schweißtreibend, aber Luise aktiviert noch ungeahnte Kraftreserven und rennt den ganzen steilen Weg, sich hinter jeder Kurve versteckend, vor uns her.

Am nächsten Morgen statten wir „unserer“ Burg Gibralfaro einen ausführlichen Besuch ab, bevor es in die Innenstadt zu Picasso geht.

Der Abstieg in die Altstadt geht heute flink voran, an Palmen und Blüten vorbei fliegen wir geradezu den steilen Weg hinab.

Im Picasso-Museum ist schon mächtig viel Betrieb und wir fragen uns, wo an einem Mittwoch im Februar bloß so viele Touristen herkommen.

Das Haus allein ist aber schon eine Attraktion, ein Säulen umrankter Innenhof, Buchsbaum, kleine Galerien: ein Ort der Ruhe in all dem Trubel.

Die Sammlung ist klasse, der berühmte „Stierkopf“ (eine Installation aus Sattel und Lenkerstange) hängt hier, auch wenn man den leider nicht fotografieren darf (deswegen hier nur ein Google-Foto)…

Am Nachmittag laufen wir mit einer großen Tüte Erdbeeren im Gepäck über die wunderbar angelegte Uferpromenade und genießen die herrliche Sonne.

Am Hafen geht es bis zum Centre Pompidou, eines Ablegers des Pariser Kunstmuseums, das in einem bunten Glaswürfel dicht am Wasser steht.

Schließlich müssen wir wieder den steilen Berg zum Wohnmobil hinauf, der nun heute mit Kinderwagen schier unerklimmbar erscheint. Auf der Suche nach dem seichtesten Weg erwischen wir leider den mit den allermeisten Stufen.

Treu und brav wartet unser Bulli vor dem Burgtor auf uns und wir sinken völlig ermattet in die Kissen. Luise ist schon aufgeregt, denn morgen stößt Elli (meine Cousine und Luises Patin) für ein paar Tage zu uns und wir wollen weiter auf maurischen Spuren nach Granada.