Flamingos und Ritter in Okzitanien

Bis man mit Kind und Kegel am Morgen endlich alles im VW-Bus verstaut hat, ist es mindestens 12 Uhr. Es ist Mittwoch, der 6. Februar und die Sonne wärmt so stark, dass wir nicht einmal unsere Pullover brauchen.

Die Natur lockt mit solcher Kraft, dass wir keine Lust auf Großstadt haben. Auf unserem weiteren Weg lassen wir Montpellier links liegen und tauchen weit nach Westen ins Gebiet Languedoc ein. Dieser kleine Teil ganz in der Ecke Frankreichs heißt Okzitanien und war einst von den Katharern besiedelt. Die Gegend ist voll von Burgen, Ruinen, Klöstern und kleinen mittelalterlichen Dörfern, die nur darauf warten, von uns entdeckt zu werden.

Durch Zufall verschlägt es uns nach Bages, einem verschlafenen aber malerisch gelegenen Fischerdorf am Salzwassersee „Etang de Sigean“, südlich von Narbonne.

Hier stehen wir allein auf einem kleinen Parkplatz zu Füßen des Dörfchens und fühlen uns sehr verwegen und abenteuerlustig. Außer ein paar Naturfotografen in Gummistiefeln und karierter Wolljacke ist niemand unterwegs.

Immerhin finden wir vor dem „Rathaus“ (eher ein Rathäuschen) die einzige noch bewirtschaftete Bar im Ort, die gleichzeitig als Bäcker und Tante-Emma-Laden dient.

Wir genießen einen herrlichen Abend, Luise bestellt sich nacheinander 3 Gläser frisch gepressten Orangensaft und freut sich über die vielen streunenden Katzen im Dorf, von denen ich ja lieber einen Meter Abstand halte…

Im letzten Abendrot laufen wir über die befestigten Uferwege und staunen am Horizont über die schneebedeckten Berge der Pyrenäen.

Wir waren selten an einem so verwunschenen Ort. Alles ist ganz still und alt, als wäre die Zeit einfach vor 300 Jahren stehen geblieben.

Am nächsten Morgen sind schon in der Frühe kleine Scharen an Spaziergängern unterwegs, die allesamt schwere Kameraausrüstungen mit sich umhertragen. Wir schärfen unser Auge und entdecken, dass das Geflügel im Uferbereich keine Schwäne, sondern rosa Flamingos sind!

Den Vormittag verbringen wir am Wasser, Luise baut Sandburgen im Tang und Ferdinand probiert, wie Steine schmecken. Uwe und ich kommen endlich mal dazu, ein Buch in die Hand zu nehmen.

Nur schwer können wir uns von diesem vergessenen Stückchen Erde trennen, doch die Aussicht auf eine warme Dusche zieht uns in ein kleines Hotel im Zentrum des nahe gelegenen Narbonne.

Auch hier geht es sehr gemütlich zu. Schöne Plätze, freundliche Gesichter und kleine Cafés in der geschichtsträchtigen Altstadt. (Hier hatten die Römer um 100 v.Chr. ihre erste Kolonie im damaligen Gallien, wir wandeln auf den Spuren von Asterix und Obelix!)

Wir haben zwei Zimmer in einem WG-ähnlichen Haus, wo wir sogar unsere Berge an Klamotten waschen können, die sich in den letzten zwei Wochen angesammelt haben. Per Los wird entschieden, wer als erstes unter die lang ersehnte Dusche darf.

Rundum erneuert besuchen wir das Wahrzeichen der Stadt. Die Katharer haben im 13. Jahrhundert einen etwas größenwahnsinnigen gotischen Bau begonnen, die Kathedrale Saint-Just, die allerdings nie wirklich fertig gestellt wurde. Innen kann nach wie vor nur ein halbes Kirchenschiff benutzt werden.

Am Abend darf sich Luise ein Lieblingsessen wünschen. Ihre Wahl fällt nach langem Überdenken auf Fruchtzwerge. Sind wir froh, dass auf dem alten Marktplatz tatsächlich auch am späten Abend noch ein Supermarkt geöffnet hat, der (französische) Fruchtzwerge führt.

Am nächsten Morgen machen wir einen Ausflug über den Fischmarkt in „Les Halles“, der großen Markthalle von Narbonne. Unsere Begeisterung über die wunderbaren Marktstände schwappt wohl auf Luise über, die sich in einem unbemerkten Moment ohne Furcht eine Sardine schnappt und hineinbeißen will. Zum Glück ist der Verkäufer etwas aufmerksamer als wir…

Es soll wieder ein sonniger, klarer Tag werden und auf unser nächstes Ziel bin ich schon lange gespannt: Carcassonne! Natürlich kenne ich es vor allem vom Brettspiel daheim, wo ich früher mit meinem Bruder harte Kämpfe um Festungen und Wiesen ausgefochten habe.

Tatsächlich sieht es hier genauso aus wie im Spiel. Schier endlos aneinander gereihte Zinnen und Wachtürme, große Tore und ehrwürdige doppelt gereihte Steinmauern. Von den 4 Mio Besuchern jedes Jahr sind heute etwa 30 Leute in der ganzen Stadt unterwegs. Luise ist völlig begeistert und rennt die Burgmauern unermüdlich auf und ab.

Am Horizont blinken wieder die schneebedeckten Pyrenäen und machen den Reiz der mittelalterlichen Festung vollkommen.

Am späten Nachmittag schließen sich die Tore von Carcassonne. Da wir ungern über Nacht auf einem großen Parkplatz stehen bleiben wollen, fahren wir ins nahe gelegene (schon wieder) mittelalterliche Dörfchen Lagrasse, wo sich dann wirklich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen.

Für Luise geht ein Traum in Erfüllung, denn hier entdeckt sie tatsächlich den Torbogen, unter dem Goldmarie von Frau Holle mit Gold überschüttet wird.

Immer wieder stellt sich Luise erwartungsvoll darunter und wartet auf den Goldregen. Da der Ort so klein ist und unsere Orientierung miserabel, kommen wir ziemlich oft an diesem Tor vorbei.

Das einzige Gold am Abend ist allerdings der Sonnenuntergang, den Luise zum Glück auch gelten lässt.

Am nächsten Tag wartet noch eine letzte mittelalterliche Station auf uns. Die Zisterzienserabtei Sainte-Marie de Fontfroide, die seit 1093 n.Chr. wunderschön im Tal zwischen den sanften Hügeln von Okzitanien liegt.

Ich bin ja ein totaler Fan solch altehrwürdiger Orte und kann mich stundenlang in den verwitterten Kreuzgängen verlieren.

Hier wird man sofort andächtig und still, alles ist so einfach und doch so vollkommen. Völlig einsam wandeln wir durch das uralte Kloster.

Als wir in der riesigen schmucklosen Kathedrale ein paar Töne singen, ist Luise so ergriffen, dass sie sogar zu weinen beginnt.

Erfüllt aber auch halb erfroren in dem kalten Gemäuer verlassen wir am Nachmittag die Abtei, fast etwas wehmütig durchqueren wir die letzten Kilometer dieses wunderbaren und geheimnisvollen Landstrichs Okzitanien und machen uns auf den Weg in Richtung Spanien.