Wir haben noch die französische Wärme und Sonne im Gemüt, als wir am späten Nachmittag über die Grenze nach Katalonien fahren. Nach nur wenigen Kilometern scheint sich das Land komplett zu verändern. Trockene Steppe so weit das Auge reicht, verfallene Beton-Bunker an der Straße und kaum eine Menschenseele auf der Autobahn unterwegs (das mag an den empörend hohen Maut-Gebühren in Spanien liegen). Wir versprechen uns einen lieblichen Badeort am Strand und fahren direkt nach Osten an die Costa Brava. Quasi jede Mauer ist hier mit Freiheits- und Unabhängigkeitssprüchen besprüht, an jeder Straßenlaterne kleben gelbe Schleifen, Katalanische Flaggen hängen vor den Fenstern. Auf der Straße vor allem ältere Herrschaften mit gelben Halstüchern und Anstecknadeln. Was hier die Einwohner bewegt, ist nach fünf Minuten klar: Katalonien kämpft für seine Unabhängigkeit von Spanien.


Wir versuchen, an der steilen und sehr zugebauten Küste ein ruhiges und möglichst romantisches Plätzchen für unser Wohnmobil zu finden. Zweimal werden wir direkt wieder von einer ständig kontrollierenden Polizeistreife aufgegabelt und schließlich auf einen Parkplatz im Gewerbegebiet des Örtchens „Port de la Selva“ geschickt, der nun ganz und gar nicht schön ist, aber da es ohnehin mittlerweile dunkel ist, bleiben wir die Nacht über hier.
Am Morgen suchen wir einen Bäcker im Ort. Leider hat alles entweder komplett oder den Winter über dicht gemacht. Ein paar schräge Typen hängen mit Zigarette im Mundwinkel am Flipperautomaten im Pub. Mehr ist nicht los an der Costa Brava im Februar.
Glücklicherweise finden wir nach ewiger Suche und mittlerweile quengelnden Kindern („Ich will jetzt mein Croissant!“) die einzige geöffnete Bar weit und breit. Hier herrscht ein komplett anderes Flair als in den französischen Frühstückscafés, aber es gibt immerhin Tostadas mit Schinken oder Marmelade und starken Café con Leche.

So schnell wie möglich verlassen wir diesen trübseligen Ort und fahren nach Figueres, das man am ehesten als Geburtsort Salvador Dalís kennen kann. Überhaupt scheint die ganze Stadt ausschließlich und allein wegen Salvador Dalí zu existieren. Bereits an den Einfallstraßen reihen sich kleine Buden mit nachgebautem Dalí-Nippes wie schiefen Uhren, Elefanten auf dünnen langen Beinen und „zerfließenden Eiern“ aneinander. Würde man nicht wissen, dass dies Abbilder aus berühmten Gemälden eines Surrealisten sind, man würde die Verkäufer hier für völlig verrückt halten.

Nach einer sehr waghalsigen Einfahrt ins Parkhaus, das nur 5 cm höher ist als unser Bulli, stehen wir vor dem Dalí-Museum, welches der wohlhabende Künstler einst selbst entworfen hat.

Wir scheitern bereits auf der Suche nach dem Eingang – überall stoßen wir nur auf Ausgänge -und kommen uns direkt in einen surrealen Film versetzt vor.
Auch von innen ist dieses Haus das verwirrendste und verstörendste Museum, das ich jemals besucht habe. Der Surrealist Dalí hat seinem Namen alle Ehre gemacht.


Luise lässt sich von alldem zum Glück nicht beeindrucken und freut sich am meisten über die Eier, die sie überall auf den Gemälden wieder erkennt.

Nach dem Museumsbesuch sind wir alle leicht mitgenommen.
Als wir im viel zu engen Parkhaus mehrere millimetergenaue Anläufe benötigen, um unseren zugeparkten VW-Bus wieder unfallfrei auf die Straße zu manövrieren, während sich hinter uns bereits eine laut hupende Schlange angestaut hat, liegen unsere Nerven blank.
Auf dem schnellsten Wege verlassen wir Figueres und fahren ans Meer, an einen Ort, der mir am freundlichsten und am wenigsten surrealistisch erschien. Wir landen tatsächlich direkt am Strand neben alten römischen Ausgrabungen, die im Winter aber nicht zu besichtigen sind und deshalb der Parkplatz von Wohnmobilen genutzt werden kann.

Hier ist es wirklich schön und wir genießen den wunderbaren Abend am Meer.

Obwohl es nachts sehr kalt ist, sind wir mit unserer Standheizung bestens gerüstet (das Klappdach bleibt aber nach wie vor zu) und tagsüber wird es in der windgeschützten Bucht so warm, dass Luise nach kurzen Hosen verlangt.
Die Sonnenaufgänge über dem Meer sorgen für Momente des Atemanhaltens, nur Luise verkriecht sich lieber unter ihrem dunklen Kopfkissen.

Wir bleiben zwei Tage an diesem wunderbaren Strand. Endlich kommen beide Kinder mal auf ihre Kosten und wir haben den großen Beutel voller Sandspielzeug, der uns jeden Morgen unter Fluchen beim Öffnen der Heckklappe entgegen fällt, nicht umsonst mitgeschleppt.


Wir wandern über die endlosen Dünen, Strände und Felsen, die sich an dieser wunderschönen Küste abwechseln und sind etwas versöhnt mit der Costa Brava.


Doch am dritten Tag lacht bereits am Frühstückstisch aus Uwes Augen schon wieder die Unternehmungslust. Wir wollen noch mehr sehen von Katalonien!

Nach 4 Tagen ohne Dusche greift jeder auf seine spezielle Methode zurück – ich habe daheim ein Trockenshampoo-Spray im Drogeriemarkt gefunden, und siehe da: es funktioniert! Uwe ist todesmutig und schwimmt lieber ein paar Züge im kalten Meer (was ihm Applaus einer Schulklasse einbringt, die just in diesem Moment ihren Ausgrabungs-Besuch nebenan beendet hat).
Wir fahren die kurze Strecke nach Girona. Laut Reiseführer ein „TOP-Ziel“! Hier gibt es einen witzigen Stellplatz mitten in der Stadt auf der obersten Ebene eines Parkhauses.
Girona verzaubert uns auf Anhieb.

Mit seinen alten gepflegten Gassen, dem Panorama am Fluss und der altehrwürdigen römischen Vergangenheit, der diese Stadt zwei wunderbare Kathedralen zu verdanken hat, ist dieses Städtchen mehr als charmant.

Die immer wieder umgebauten römischen, später gotischen Kirchen liegen beeindruckend weit oben auf dem Hügel, was vor allem Uwes Beine zu spüren bekommen.


Natürlich besorgen wir uns das Kombi-Ticket „für alles“ und Luise ist am nächsten Tag bereits Expertin für den „Heiligen Felix“, den „Heiligen Narziss“ und alle Kreuzgänge und Hochaltäre der Stadt.

Doch auch in Girona ist der Geist der Bewohner nicht zu übersehen. Wieder an allen Fenstern katalanische Flaggen, gelbe Anstecknadeln am Revers, Sprüche an den Säulen und sogar eine große Demonstration, zu der am Abend die halbe Stadt mit Bannern und gelben Tüchern hinströmt.

Wir können dennoch diese Stadt sehr genießen und fahren am erst nächsten Nachmittag weiter nach Süden. Barcelona wollen wir auslassen – zu riesig, zu voll und vor zwei Jahren waren wir hier außerdem schon.
Als wir an der katalanischen Hauptstadt vorbeifahren, entdeckt Uwe am Horizont ein gewaltiges Felsmassiv und reißt spontan das Lenkrad herum. Quietschend biegen wir gerade noch in die Ausfahrt nach Montserrat ein. Ein schneller Blick bei Google (ist einfach NOCH schneller als der Reiseführer) verrät, dass ganz oben auf diesem Berg ein berühmtes Kloster thront. Nun, man kann jetzt nicht sagen, dass wir in den letzten Tagen einen Mangel an Klöstern zu bedauern hätten, aber so eine spektakuläre Lage reizt uns dann doch.
Uwe jagt den Bulli 750 Höhenmeter den Berg hinauf und stellt ihn genau am Abgrund vor den klösterlichen Mauern ab. Offenbar hat tatsächlich niemand etwas dagegen, dass wir hier über Nacht stehen bleiben. Die Aussicht von hier oben ist spektakulär.

Da es noch nicht ganz 18 Uhr ist, betreten wir vorsichtig die menschenleere Klosteranlage von Montserrat. Die riesige goldgeschmückte Basilika verschlägt uns den Atem.

Ein einsamer Pater richtet sein Mikrofon für die Messe ein und verneigt sich vor dem hiesigen Heiligtum, der schwarzen Madonna, Ziel zahlreicher Pilger, die in etwa 15 m Höhe über dem Altar in eine kleine goldene Kapelle eingelassen ist, die man sogar über einen schmalen Seitengang betreten kann.

Beeindruckt von der unerwarteten Wendung des Tages verkriechen wir uns bei Zeiten in unserem VW-Bus, denn heute Nacht können es sogar Minusgrade werden…
Am Morgen werden wir von einem fantastischen Sonnenaufgang geweckt. Das ganze Tal ist noch von dichten Wolken zugedeckt und wir sind neben 70 Mönchen und einer Handvoll Wachmänner die einzigen hier hoch oben. Ein unglaublicher Moment.

Doch nur eine halbe Stunde später wird unsere andächtige Ruhe von einer Armada an Reisebussen gestört, die den ersten Schwung Japaner hier oben absetzen, welche mit Selfie-Sticks und Handykameras sogleich das Feld erobern.
Eilig beenden wir unser Frühstück, um nicht selbst zum Fotomotiv zu werden. Ferdinand packen wir in die große Trage und fahren mit dem ersten „Funicular“ (Standseilbahn) auf den höchsten Gipfel des Felsmassivs.

Hier oben verzweigen sich kleine Wanderwege zu verlassenen Kapellen. Man hat rundum eine herrliche Sicht über die Tiefebene, nach Barcelona und bis ans Meer.

Luise ist supergut drauf und erzählt und hüpft unermüdlich vor uns her. Auf dem langen Wanderweg in die Schlucht zum Kloster wirft sie kleine Kieselsteinchen wie bei Hänsel und Gretel hinter sich, um den Weg zu markieren.

Wir genießen die wunderbaren Ausblicke aufs malerisch gelegene Kloster und holen uns sogar einen kleinen Sonnenbrand.

Sehr beeindruckt von diesem gelungenen Abstecher nach Montserrat packen wir am Nachmittag unsere Siebensachen und verlassen Katalonien.